Editorial
Liebe Leserinnen
Liebe Leser
Der Modellflug bietet ein breitgefächertes Freizeit- und Hobby-Angebot, wie das wohl kaum bei irgendeinem andern Steckpferd zutreffen wird. Jeder hat die Möglichkeit, nach seinen ureigensten Bedürfnissen, Fähigkeiten, finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten «seinen» Modellflug zu gestalten. In vielen Bereichen des Modellflugs könnte man deshalb von einem ausgesprochenen Individualismus reden, der jedem die Chance gibt, sich nach seinen Wünschen persönlich zu entfalten – oder, wie man heute so schön sagt, selbst zu verwirklichen!
Aber auch die andere Seite ist dem Modellflug gegeben: Die Modellflieger können sich – wenn sie dies wollen – zu Gleichgesinnten zusammenschliessen. Es können indirekt, über gemeinsames Fachwissen, gemeinsame Erlebnisse u. s. f. Kontakte entstehen, welche sich bis zur Freundschaft entwickeln mögen und vielfach ein halbes oder ein ganzes Leben bestehen bleiben. Neben diesen ganz persönlichen Freundschaften und Verbindungen besteht aber auch die Möglichkeit zu einem straffen Zusammenschluss, ich meine die Modellfluggruppe, die Modellflug-Region und schliesslich unsern fliegerischen Dachverband AeCS. Auch hier darf jeder, der will, eine Fülle an zusätzlichen Aufgaben übernehmen. Es fehlt nicht an Arbeit im administrativen, technischen und personellen Bereich, die wahrgenommen werden muss, und jeder kann sich auch hier nach seinen Möglichkeiten entwickeln. Jede Modellfluggruppe kann wiederum – wie vorher der Einzelne – ihre Schwerpunktbildung nach ihren eigenen Bedürfnissen gestalten. Während Kameradschaft, Gemütlichkeit und gemeinsame modellfliegerische Erlebnisse bei den einen im Vordergrund stehen, könnte dies Sport im wahrsten Sinne des Wortes bei den andern sein. Ich kenne auch Gruppen, welche einen grossen Teil ihrer Kraft in die Jugendarbeit investieren, einem weiteren Bereich, wo der Modellflieger als Jugendarbeiter, als Animator und Ausbilder wirken kann. Da der Trend, sich in Modellfluggruppen zu organisieren, so lange anhalten wird, als die Modellflieger um ihre existenziellen Grundlagen, besonders die Fluggelände, kämpfen müssen, «landen» einige Modellflieger schliesslich in einem unserer Clubs, ohne so recht zu wollen und sich darüber Rechenschaft zu geben, dass sie sich einem Gemeinwesen einzuordnen haben. Dies ist u. a. einer der Gründe dafür, dass das Leiten einer Modellfluggruppe nicht unerhebliche Ansprüche stellt. Verständnis schaffen und die Verbindungen herstellen zwischen denjenigen, welche für ihre Gruppe ein enormes Arbeitspensum auf sich nehmen, und denjenigen, welchen die Dienstleistungen eines Clubs lediglich konsumieren möchten, stellt hohe Anforderungen
insbesondere an die Toleranz, ohne diese könnte unsere Vielfalt und unser bewusst gepflegter Individualismus zur grössten Hypothek der Modellflugbewegung überhaupt werden. Schieben die einen das Flugplatzproblem allein den Wettbewerbspiloten in die Schuhe oder machen sich die andern über die Sonntagsflieger lustig; erhebt sich eine Modellflugkategorie grossmäulerisch über die andere und unterliegt dem Irrtum, dass nur ihre Sparte für die Welt interessant und vordringlich sei, so trägt dies alles dazu bei, dass uns unsere vielgepriesene Vielseitigkeit selbst ein Bein stellt. So begegne ich immer wieder Überheblichkeit und oft grenzenloser Selbstüberschätzung. Es gibt Modellflieger, welche irgendwo ein paar Wettbewerbe einigermassen erfolgreich bestritten haben, nun bereits glauben, die Welt warte nur auf sie und ihren ganzen «Zirkus». Ich meine, dass etwas mehr Bescheidenheit dringend notwendig wäre und niemandem zum Schaden gereichen würde. (Dies war vermutlich auch die Meinung eines ehemaligen Mannschaftsleiters, als er in diesem Zusammenhang das Wort «Zirkus» verwendete. Bleibt zu hoffen, dass er sich selber treu bleibt und nicht Konkurrenz-Spektakeln auf den Leim geht und somit die Wandlung vom Direktor zum Intendanten vollzieht, ohne sich dessen ganz bewusst zu sein.)
Ich erinnere mich nur ungern an eine Pressekonferenz anlässlich einer Modellbauausstellung im Glatt-Zentrum. Einmal mehr konnte ich nicht nein sagen und so sass ich eines Abends – statt für mich selbst etwas Vernünftigeres zu tun – als Vertreter des Modellflugs mit andern Modellbauern an einem Tisch neben der Direktion des Zentrums und versuchte in ein paar kurzen Sätzen über den Modellflug, seine Probleme und den AeCS zu informieren. Nach meinen Ausführungen ergriff mein Tischnachbar das Wort als Vertreter der Schiffsmodellbauer, insbesondere der RC-Segelyachten. Er selbst soll – so lautet sein Steckbrief – Europameister dieser Klasse sein. Da ich immer wieder viel Sympathie für den Schiffbau hege und selbst in meiner Jugend aktiv war – noch immer träume ich von einem Mississippi-Steamboat –, lauschte ich interessiert den Ausführungen des Mini-Yacht-Kapitäns. Er leitete seine Informationen damit ein, dass er zu erklären versuchte, weshalb «sein» Hobby in der Öffentlichkeit zuwenig bekannt sei. Er führte diese Tatsache auf zwei Gegebenheiten zurück, die ich hier wie folgt zusammenfasse: Die Modell-Segelyachten seien völlig geräuschlos und somit weniger im Gespräch als der lärmige Modellflug! Zum zweiten könne man in seiner Sparte nicht alles fertig kaufen, wie dies im Modellflug der Fall sei. Diese Tatsache mache den Yachtbau finanziell uninteressanter als den Flugmodellbau, da kleinere wirtschaft-
liche Interessen dahinter stünden ... Nun, erholen Sie sich und überlegen Sie, was sich bei unserem lieben Hobby-Kameraden eigentlich abgespielt hat. Er hat nämlich etwas getan, was meiner Meinung nach auch innerhalb der Modellflieger viel zu oft vorkommt: Aus ganz persönlichen Gründen war dieser Mann nicht in der Lage, die Schönheit und den Wert seines sicher faszinierenden Hobbys an dieser Pressekonferenz darzustellen. Er musste dazu einen häufig verwendeten Mechanismus zu Hilfe nehmen, der davon ausgeht, dass seine eigene Sache besser dastehe, wenn er vorgängig das andere, besonders seine Konkurrenz, schlecht mache. Es handelt sich hier also um den Versuch, sich selbst zu profilieren, indem man die andern in den Dreck zieht. Wenn dieser Schiffbauer nicht nur Europameister wäre und seine persönliche Entwicklung Schritt gehalten hätte, wäre dies alles gar nicht nötig. Er würde den Modellflug neben sich akzeptieren, der schliesslich für seine eigenen Probleme selbst verantwortlich ist, und wir würden den Schiffbau für voll nehmen und seine Leistungen anerkennen, was mir unter diesen Umständen jetzt etwas schwerer fallen dürfte. Weshalb gibt es RC-Kunstflieger, welche glauben, die allergrössten zu sein (oft gar solche, die nicht einmal selbst fliegen), Scale-Spezialisten, welche alles andere als unterentwickelt betrachten; Freiflieger, die bei jedem Problem des Modellflugs stereotyp die Schuld den Fernsteuerungen zuschieben u. s. f. Dasselbe erlebe ich oft in der Kommissionsarbeit: Tritt ein Kommissionsmitglied freiwillig oder unfreiwillig zurück, so können es die Nachfolger oft nicht unterlassen zu betonen, was doch der Vorgänger für einen Schmarren abgelaufen und was man nun alles besser machen würde ... Selbst merken sie erst viel später, wenn überhaupt, dass sich das Karussell weiterdreht und dass nach ihnen einer kommen wird, der alles selbstverständlich noch viel besser machen wird. Was dazu führen wird, dass unsere Organisation in einer der kommenden Generationen absolut perfekt sein wird. Die Frage ist nur, auf wessen Kosten und ob wir dabei noch werden frei atmen können.
Sie merken es: Ich komme wieder auf jenen Charakterzug zurück, den ich vorgängig mit Bescheidenheit umschrieben habe – das Gegenteil von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Ich erkenne laufend die enormen Kenntnisse bis zur wissenschaftlichen Tiefe, welche einzelne Modellflieger im Bereich Strömungslehre, Elektronik, Datenverarbeitung, Kunststoffverarbeitung, Statik u. s. f. besitzen. Ich versuche gegebenenfalls, für gemeinsame wichtige Aufgaben diese Fachleute heranzuziehen, weil mir dabei kein Stein aus der Krone fällt. Ich erwarte aber auch, dass jene ihre Grenzen kennen und nicht in Gebieten, wo andere ebenfalls einen enormen
Wissens- und Erfahrungsschatz aufweisen können, als Banausen wacker mitmischeln und der Spur nach etwas daherwursteln. Denn dies führt oft zur Situation, dass nicht mehr Sachentscheide gefällt werden können, sondern persönliche Interessen als Ursprung haben. Wobei mir klare persönliche Interessen noch immer lieber sind als die verbreitete Angst vor dem Guten, vor dem Könner und dem Perfektionisten; denn diese Angst ist destruktiv – im Gegensatz zur Interessiertheit und zur Motivation. Weshalb können so viele nicht zugestehen, dass es halt auf allen Gebieten Bessere geben kann, solche, welche aus dem grossen Haufen der Mittelmässigen herausragen? Das sind auch Menschen! Oder möchten wir, dass alle gleich gut bzw. gleich schlecht sind? Bekanntlich wachsen keine Bäume in den Himmel. Niemand kann alles – und, bitte niemals vergessen: Wo Licht ist, ist auch Schatten! Aber wie weit würden wir kommen, wenn sich unsere Gesellschaft bei allen Grössen nur gerade auf den Schatten konzentrieren würde? Wenn wir das Licht akzeptieren und vom Guten profitieren wollen, so müssen wir auch mit dem Schatten leben können. Darum müssen wir viel mehr bereit sein, von wirklich Tüchtigen, die sich für die Gesamtheit einsetzen, auch Unangenehmes, Kritik und hin und wieder ein Über-das-
Ziel-Hinausschiessen in Kauf zu nehmen. Sesselkleber, Papiertiger, Wortgewaltige ohne entsprechenden Hintergrund und Profiteure hingegen brauchen wir weniger ernst zu nehmen, was uns manches erleichtern würde.
Mit freundlichen Grüssen
Emil Ch. Giezendanner

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