Die dramatische Flugzeugkatastrophe auf dem Flugplatz in Hausen
Die nachfolgende Geschichte wendet sich an die Frauen, welche die Zeitschrift gelegentlich für das Altpapier bündeln. Denn der Inhalt enthält ausnahmsweise keine technischen Daten oder Konstruktionsdetails. Dafür die Gedankengänge von Familienmitgliedern, die mit dem modellflugbegeisterten Vater einen solchen Flugtag besuchen. Die Handlung besteht aus Fakten und ein wenig Fiktion, aus deren Kombination eine nicht ganz realitätsgetreue Erzählung entstanden ist. Der Autor bittet die technikbegeisterten Leser dabei um etwas Nachsicht.
«Beide Flugzeuge sind ganz bestimmt im Hangar hier in Hausen daheim. Sie waren am letzten Flugtag auch schon da», sagte das kleine Mädchen zu seiner Schwester. Der Vater behauptet, die beiden Flugzeuge seien gewiss bei ihren Besitzern in irgend einem Einfamilienhaus eingelagert gewesen. Die Mama vermutet, für den Transport hierher benötige es einen Lastwagen. Da widerspricht ihr der Vater. Er findet, ein mittelgrosser Lieferwagen genüge dafür auch.

Auf den Flügeln des einen historisch aussehenden Flugzeuges steht der Name Etrich. So muss dieses fliegende Gerät wohl einem Herrn Etrich gehören, der halt seinen Namen gut leserlich auf die Tragflächen gepinselt hat. Im Gegensatz zu diesen rasanten Düsenjets kann hier jeder Betrachter schon vom Boden aus erkennen, wer am Himmel so majestätisch über die Köpfe der Zuschauer schwebt. Der Herr Etrich ist auch vernünftig gekleidet. Er trägt eine dicke braune Fliegerjacke mit einem kuschelig warmen Lammfell. Sein Kopf ist durch eine gepolsterte Ledermütze gut geschützt. Damit er sich sicher nicht erkältet, hat er auch noch einen weissen Wollschal um seinen Hals gewickelt. Das Flugzeug des Herrn Etrich wird durch die beiden Eltern weiter analysiert. Die Mutter bemerkt mit einem leicht spöttisch klingenden Unterton, die Räder an diesem Flugzeug seien bestimmt einmal heimlich von einem geländetauglichen Kinderwagen abmontiert worden. Der Vater neckt sie darauf ein wenig, indem er findet, so etwas müsse man früher oder später einmal tun. So würden die bequemen Kinder endlich einmal lernen, auf eigenen Füssen zu gehen, statt sich immer von der Mama im Windelmercedes herumchaufieren zu lassen.
Es wird schon bald 17 Uhr. Die Mutter möchte endlich nach Hause. Sie ist eigentlich mit diesem Tag gar nicht so unzufrieden. So traf sie hier an diesem Anlass nach einer langen Zeit wieder einmal ihre ehemalige Kollegin aus dem Volleyballverein. Diese war mit ihrem gutausssehenden Freund unterwegs und ist noch immer unverheiratet. Von ihr erfuhr sie jetzt, wie preiswert man doch jetzt Ferien auf den Malediven machen könne. Alles sei inbegriffen. Sogar die tägliche Massage und der Fitnessclub. Auch die Sonnenbräune sei quasi im gut erschwinglichen Pauschalangebot schon mitenthalten. Was man dort jedoch mit gelangweilten und quengelnden Kindern unternehmen könne, konnte sie leider nicht mehr in Erfahrung bringen. Mit zwei kleinen Wurfgleitern in der Tasche fiel der heutige Tag günstig aus. Beim Rundgang durch die Verkaufsstände des vereinigten Modellbauhandels gelang es der Mutter erfolgreich, ihren Mann vom Kauf eines fertig gebauten Helikopters abzuhalten. Für das Wohnzimmer sei dieser definitiv zu gross. Und falls ein solcher dort doch einmal gestartet würde, dann müsste der liebe Ehemann jede aufgewirbelte Staubflocke persönlich mit dem Handwischlappen einsammeln. Auf der Wiese vor der Parterrewohnung könne man damit sicher auch nicht fliegen, weil dann die Nachbarn beim Grillen gestört würden. Und auch auf dem Spielplatz in der Überbauung gäbe es so viele andere Kinder, die dann damit unbedingt selbst einmal fliegen wollen. Da es an einem solchen Helikopter auch scharfe Rotorblätter gäbe, sei es zu gefährlich. Ob dies dann nur für den Helikopter oder auch für die Kinder zutreffe, liess sie jedoch offen. So verblieb der anvisierte Helikopter auf dem Gestell des Verkäufers. Und das dabei gesparte Geld könne man ja immer noch in den nächsten Ferien in der Südsee für etwas Sinnvolleres ausgeben. Doch diesen Gedanken wagte die Mama nun nicht mehr laut auszusprechen.

Auch die beiden Mädchen liesen sich nach längeren Verhandlungen von den Vorteilen der äusserst robusten Schaumstoffflugzeuge überzeugen. Elektroflugzeuge mit Propellern seien für grössere Kinder bestimmt. Dafür benötige es doch schon ziemlich viel Flug Erfahrung. Sonst sei ein solches Flugzeug schnell einmal kaputt. Und dies sogar, wenn man die Einzelteile danach wieder zusammenleimen könnte. Sollte das motorgetriebene Flugzeug wirklich so robust sein, wie vom Verkäufer behauptet, dann würde halt die Fensterscheibe in Brüche gehen. Und sie, die Mutter, müsse sich dann wieder um den Ärger mit der Hausverwaltung kümmern.
So blieb es dann am Ende doch bei den zwei sehr stabilen Schaumseglern. Man könne sie auf die nächste Wanderung mitnehmen und dort von einer kleinen Anhöhe hinunterwerfen. Die Kinder müssten sie dann unten wieder holen und würden bei dieser Art von Flugbetrieb hoffentlich auch so müde, dass sie am Abend keine Lust mehr zum Streiten verspürten und dafür einmal rechtzeitig zum Schlafen gingen. Gleichzeitig werde mit dieser Anschaffung auch das Familienbudget geschont. Das waren noch weitere Überlegungen einer schon ziemlich erfahrenen Mutter. Nun wäre es doch endlich Zeit, um nach Hause zu gehen. Denn dort solle ja auch noch das Nachtessen gekocht werden und die Kinder müssten rechtzeitig ins Bett kommen. Denn morgen früh hätten die jungen Damen wieder pünktlich in den Kindergarten zu gehen, begründete die Mama jetzt mit ungeduldiger Stimme.
Doch es kam anders als geplant. Offenbar wollte der Herr Etrich noch zu einem Abschiedsflug starten. Diesen durfte man nicht verpassen. Schon gar nicht jetzt, wo sich der Platz vorne am rotweissen Absperrband endlich gelichtet hatte. Also ab zum Logenplatz. Auch der Vater fand, jetzt nach Hause zu fahren bringe im Moment gar nichts. Denn in diesem Moment seien nun alle Besucher gleichzeitig auf dem Rückweg. So stehe man einfach unnötig im Stau, währenddem hier nochmals etwas Tolles geboten würde. In gleichen Moment empfahl der Sprecher auf dem Platz ein letztes Mal die feinen Bratwürste, die man jetzt ohne einstündige Wartezeiten rasch und günstig kaufen könne. Die Herren Etrich und der noch dazugekommene Herr Fokker warteten inzwischen schon mit laufendem Motor auf der Piste. Schon bald starten sie in einer herrlichen Zweierformation. Wenn nun anstelle des Herrn Etrich ein kleines Kind im Kindergartenalter in diesem Flugzeug sitzen könnte, dann müsste dies wohl ein traumhaftes Flugerlebnis sein. Es könnte für einmal von oben auf die vielen grossen Leute herunterschauen und dabei vielleicht, wenn es niemand sieht, einem besonders grimmig dreinschauenden Mann heimlich einen klebrigen Kaugummi auf den Kopf spucken, fantasiert nun die kleinere Schwester. Der Vater kommt zum Schluss, eigentlich sei es verboten, in einem Modellflugzeug Kinder zu befördern. Dies sei eine Vorschrift der Versicherung.

Nun, Versicherungen waren halt schon immer die Spielverderber aus der Erwachsenenwelt. So sind sie daran schuld, dass man auf dem Garagenplatz keinen Fussball spielen darf, weil sie dann die gebrochenen Fenster nicht bezahlen wollen. Auch im Kindergarten ist es nicht mehr erlaubt, auf den Baum mit den tiefhängenden Ästen zu klettern. Denn wenn ein Kind von oben herunterfallen würde, gäbe es möglicherweise einen Schadenfall. Und einen solchen mögen die Versicherungen gar nicht.
Inzwischen haben die Piloten offenbar beschlossen, miteinander in einer Zweierformation zu fliegen. Der Vater ist davon völlig fasziniert. Er meint, dies sei nun die hohe Kunst des Fliegens. Schon hört man aus dem Lautsprecher, es wäre noch eine Fuchsjagd geplant. Darum müssten die Piloten bald wieder landen. Herr Fokker ist als Erster daran. Gekonnt steuert er sein Flugzeug in Richtung der Pistenachse, reduziert das Gas am Motor und geht in einen flachen Sinkflug über. In gewohnter Weise visiert er den Grasstreifen zwischen der Piste und dem neugeschaffenen Acker an. Die Landung gelingt perfekt. Vermutlich sogar besser, als es vor 100 Jahren je möglich war. Herr Etrich folgt knapp dahinter. Auch er fliegt ebenfalls ganz genau parallel zur Pistenachse.

Mit leicht reduzierter Geschwindigkeit schwebt er parallel zum Grasstreifen. Präzise aufgesetzt, rollt er nun sein Flugzeug in Richtung der bereits ordentlich parkierten Fokker. Jetzt müsste er sofort kräftig auf die Bremse stehen. Doch schon kracht es. Holz und Teile der Bespannung fliegen durch die Luft. Ziemlich abrupt gestoppt, steht das dunkelgelbe Flugzeug des Herrn Etrich neben jenem des Herrn Fokker. Obwohl alles sehr realitätsgetreu ablief, war die Landung wohl so nicht geplant. Der Schaden hält sich zwar in Grenzen. Doch unter den fachkundigen Zuschauern hat das Ereignis sofort zu einem grossen Aufruhr geführt. Wer ist schuld an diesem Unfall? Wie hoch ist der Schaden? Wird ihn die Haftpflichtversicherung übernehmen oder braucht es dafür noch einen Gerichtsprozess? Am besten würde man doch sofort das Büro für Flugunfalluntersuchung mit einer ausführlichen Ursachenanalyse beauftragen.
Solche Fragen waren von den aufgeregten Augenzeugen des Geschehens zu hören.
Für die Mutter ist es sofort klar. Wer Kinderwagenräder an sein Flugzeug montiert, darf nicht erwarten, dass sich diese dann im Ernstfall auch vernünftig bremsen lassen. Schliesslich hatte dies schon am eigenen Kinderwagen kaum je funktioniert. Der Vater findet, obwohl die beiden Flugzeuge zwar ziemlich klapperig ausschauen, hätten sie den Unfall viel besser als die Originale überstanden. Moderne Baumaterialien seien dafür verantwortlich. So ganz authentisch seien diese Oldtimer halt doch nicht. Währenddem die Erwachsenen noch immer ausführlich die Schuldfrage diskutieren, möchten die beiden Kinder nur noch wissen, ob die beiden Piloten den Zusammenstoss unverletzt überstanden haben. «Haben die Flieger jetzt einen Knochenbruch oder gar die Füsse eingeklemmt? Die Flugzeuge hätte ja brennen oder gar explodieren können», das waren nun die bangen Fragen der Kinder an ihre Eltern. Vielleicht ist es doch viel vernünftiger, wenn die Kinder durch ein grosses Netz geschützt den Flug nur vom Boden aus mitverfolgen dürfen, dachten nun die Mädchen im Stillen. Doch eine solche tragische Landekollision regt auch die Fantasie an. Sofort müssen die beiden Schaumflugzeuge her. Der erste Gleiter wird geworfen und landet ein paar Meter weiter vorne im Rasen. Der zweite sollte seinem Kollegen exakt folgen, um am Boden mit diesem zu kollidieren. Was neben der Piste mit nur einem Versuch vorzüglich gelang, macht hier grösste Mühe. Weder will ein Zusammenstoss gelingen,

noch entstehen nach einer endlich gelungenen Zwangsvereinigung irgendwelche Schäden an den kleinen Flugzeugen. Dafür geht es jetzt endgültig nach Hause. Aber morgen im Kindergarten, da wird dieses aufregende Ereignis nochmals richtig aufleben. Dramatischer als jede Flugzeugkatastrophe am Fernseher. Denn grausam und ungerecht war dieses furchtbare Unglück für die beiden liebeswürdigen Oldtimerpiloten. Ein riesiges Feuer mit einer gigantischen Rauchsäule und einer gewaltigen Explosion soll es auf dem Flugplatz gegeben haben. Auch wenn diese Ereignisse in leicht abgeschwächter Form in einer anderen Show stattfanden, sind sie nicht einmal erfunden. Und das echte Fliegerlatein gibt es nicht nur im Kindergarten. ■
Hermann Mettler


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