Editorial

Wie wild sind die «Wilden»?

von Emil Ch. Giezendanner
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Liebe Leserin, lieber Leser
In den guten alten Zeiten schienen alle zu wissen, wer gemeint ist, wenn von «Wilden» die Rede war. Die Gedanken gingen in Richtung Eingeborener entfernter Kontinente oder Daniel Defoes Robinson Crusoe, der auf seiner einsamen Karibikinsel eines Tages Spuren von «Wilden» entdeckt.


Recherchiert man heute nach «Wilden», findet man diese zu Tausenden: junge Wilde samt wilder Mode – bei genauerem Hinsehen meistens Weicheier. Auch im Modellflug scheint die Bezeichnung «Wilde» nicht sauber definiert. Während die einen die mit Helikoptern chaotisch herumturnende Jugend mit «Wilde» bezeichnen, verstehen die in Vereinen und Verbänden organisierten Modellflieger unter «Wilde» ihre nicht organisierten Kollegen. Nachdem sich kürzlich beim Hangfliegen ein junger Mann freundlich nach unseren Frequenzen erkundigte und wir rasch einmal auf das Thema «2,4 GHz», das (fast) alle Probleme löst, kamen – empfand ich den Kerl gar nicht so wild und es entspann sich ein längeres Gespräch, wie dies eben unter Modellfliegern der Fall ist. Mit welchen Problemen haben es unsere nichtorganisierten Kollegen zu tun? Zuerst einmal gelten für sie genau die gleichen gesetzlichen Grundlagen wie Versicherungsobligatorium, Gewichtslimite, Einschränkungen rund um Flughäfen und Flugplätze usw. Dann kommen die Probleme mit den Fluggeländen – weniger für Hangsegelflieger und Helikopter –, die ewige Suche nach geeigneten Startmöglichkeiten, gemähten Wiesen und geteerten Strässchen sowie der Umgang mit heiklen Nachbarn. Unseren Sorgen nicht unähnlich, mit dem grossen Unterschied, dass wir unsere Anlage nicht jedes Wochenende verschieben können. Damit wurde mir rasch einmal klar, dass «wildes Fliegen» nicht nur Freiheiten mit sich bringt, sondern auch ein hohes Mass an Eigenverantwortung, sogar etwas Mut und Einsatz erfordert. Ja, ich kann für jene, die sich bewusst nicht in einem Verein engagieren wollen, sogar etwas Bewunderung aufbringen, insbesondere dann, wenn ich von unseren Vereinsvorständen höre, dass sie es mehr und mehr mit Kollegen zu tun haben, die sich den einfachen und bequemen Weg zum «geschützten Fluggelände» mit einem Gruppenbeitritt ermöglichen und glauben, mit der Entrichtung des Mitgliederbeitrags sämtliche Vereinspflichten erfüllt zu haben. Sie haben die ganz einfache Formel, dass Infrastrukturnutzung nicht gleich Vereinsengagement ist, nicht begriffen.

Heute ist ganz generell die Bereitschaft, in Vereinen mitzutun, am Schwinden. Zusätzlich entstehen immer mehr neue Organisationen. Dies alles betrifft nicht nur den Modellflug. Unsere vorläufig grosse Chance sind unsere Flugplätze. Wir müssen aber davon ausgehen, dass nicht nur Einzelne «wild fliegen», sondern je länger je mehr eigentliche Szenen mit mehr oder weniger festen Fluggeländen entstehen. Diese Szenen funktionieren unverbundlich, spontan, häufig wechselnd, kurzlebig, wie die neuen Medien eben. Dies macht die Zusammenarbeit nicht einfach. Trotzdem müssen wir mit ihnen leben lernen und gleichzeitig über alternative Organisationsformen nachdenken. Ich wünsche uns allen viel Glück dazu.

Freundliche Grüsse
Emil Ch. Giezendanner



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