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RC-Kunstflug-Weltmeisterschaften 1977

von Emil Giezendanner
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Berichte, Gedanken und Kritisches von Emil Giezendanner



Die Objektivität ist nicht in jedem Fall besser

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, heisst ein geflügeltes Wort. Genauso könnte es auch heissen: «Wenn einer an einer Weltmeisterschaft teilnimmt ...» Da ich zu den vorletzten Weltmeisterschaften in Bern einig ๆ zu sagen hatte, ist mir in der obersten Modellflugbehörde der Schweiz unmissverständlich nahegelegt worden, dass ich als Konkurrent eigentlich besser nicht schreiben würde. Wer soll es dann sein? Lesen Sie in den beiden Zeitschriften MFS und AR Wettbewerbsberichte. Meistens sind sie von Teilnehmern, die das Ganze selbst erlebt und erfahren haben, verfasst worden. Der Vorwurf, dass solche Berichte subjektiv seien, stimmt natürlich. Alles, was Menschen erleben, sagen und schreiben, ist subjektiv. Man merkt recht bald, was im AeCS mit dem Wort «objektiv» oft gemeint ist: Neutral sein heisst, die heile Welt des schweizerischen Modellflugs zumindest nach aussen erhalten wollen und krampfhaft das Positive betonen, was eigentlich auch nicht ganz «objektiv» wäre, nicht wahr? Ein nicht sehr bekannter (auch nicht guter) Schweizer F1C-Flieger schrieb mir einmal, dass man so keine Zeitschrift machen könne (gemeint ist MFS). Nun, ich bin der Meinung, dass man so nicht F1C fliegen kann, und trotzdem geht jener regelmässig an die Weltmeisterschaften. Genauso bringe ich MFS heraus, auch wenn man das so nicht machen kann, das ist unser Recht, subjektiv zu sein – er findet, ich sei schlecht, und ich finde, er sei schlecht...


Der Vorteil der Improvisierfreudigkeit: die Flexibilität

Ein wesentlicher Unterschied in der Fähigkeit, Veranstaltungen durchzuführen, besteht zwischen der angelsächsisch-amerikanischen und der germanisch-schweizerischen Art. Wir neigen dazu, alles lang zum Voraus zu planen, möglichst bis ins Detail. Die WM in Springfield wurde, das sah man deutlich, bescheiden und kurz vor Beginn auf die Beine gestellt. Während wir durch einmal fast stur festgelegte Organigramme festgefahren sind und auf Überraschungen nur mühsam reagieren können, waren die Organisatoren in Springfield beweglich, konnten auf spezielle Wünsche und Anregungen jederzeit eintreten. Nichts schien unmöglich. Stets erhielten wir freundlich und zuvorkommend Auskünfte. Der Stress der WM schien kaum Kameradschaft, Gastfreundschaft und gelöste Atmosphäre zu beeinträchtigen. Bei den Organisatoren handelt es sich um einige Dutzend Leute, welche für Wettbewerbe ein grosses Mass an Erfahrung und Routine mitbrachten. Weltmeisterschaften veranstalten war für sie genau so selbstverständlich und gewöhnlich wie die Durchführung eines Nationalen. Es handelt sich um eine Gruppe Leute, welche an allen wichtigen amerikanischen Anlässen immer wieder anzutreffen ist.

Bereits am Abend des ersten Wettbewerbs-tages riss ein Hurrikan das grosse Zelt, dem als Sonnenschutz für Konkurrenten und Modelle grösste Bedeutung zukam, in Hudeln und Fetzen. Die Stahlrohrkonstruktion lag verbogen und zerknickt zwischen Zeltblachen. Ein trauriges Bild, als wir morgens auf den Platz kamen. Bereits nachmittags aber wurde mit dem Bau eines etwas kleineren Zeltdaches begonnen, und am andern Tag war Modellpark und Industrieausstellung wieder unter Dach. Für uns Europäer waren die enormen Gegensätze zwischen einfachen, primitiven Mitteln und modernsten Einrichtungen eher aussergewöhnlich. So wurden die elektrischen Anlagen des Zentralen-Zeltes mit drei Elementen Solarzellen (je 110 V / 70 Watt) gespiesen. Die eine Startstelle wurde durch eine TV-Kamera überwacht. Die Übertragung von der Startstelle zum Monitor der Zentrale geschah mittels Laser.

Das «Rechenzentrum» arbeitete mit normalen Rechenmaschinen – nicht besonders schnell, aber absolut fehlerfrei! Erstmals kein Schlangenstehen bei der Modellkontrolle. Später wurden Stichproben gemacht. Zum ersten Male Lärmmessungen gemäss Vorschriften der FAI – jedoch keine Massnahmen gegen «Meiser».

Am meisten gestört hat der relativ späte und mühsame Beginn am Morgen. Da die Amerikaner auf diesem Platze bereits ihre WM-Selektion durchgeführt hatten, wusste jedermann, dass ab ca. 15.00 Uhr die Sonne Piloten und Punktrichter zunehmend stört. Später Beginn am Morgen, zahlreiche ausgiebige Pausen waren wohl ausgesprochen funktionärfreundlich, nicht aber dazu angebracht, jedem Piloten mög-



Ranglisten sprechen deutlich!

Die Einzelränge der Schweizer könnte man etwa mit denjenigen von 1975 in Bern vergleichen. Einen Sprung nach vorne vollbrachte einzig Bruno Giezendanner, der sich seit 1973 wieder langsam nach vorn arbeitet. Wenn man bedenkt, wieviele Europäer noch innerhalb dieser ersten Dreizehn zu finden sind, müsste bei uns Alarm ausgelöst werden. Die Amerikaner haben ihre Vorrangstellung stark ausgebaut und es scheint sich dort, ähnlich wie im RC-Segelflug (F3B), eine eigentliche Hegemonie zu bilden. Obwohl die Japaner ausserordentlich zuverlässig und gleichmässig ihre gekonnten Flüge absolvieren, mussten sie mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen. Die Ränge von Emil Giezendanner (20) und René Schumacher (22) brachten weder negative noch positive Überraschungen. Gesamthaft aber muss der gute vierte Mannschaftsrang als ein grosser Erfolg betrachtet werden, und es wird in Zukunft schwer sein, in dieser Disziplin nochmals so weit vorne mitzumischen.



Können allein genügt nicht, man braucht auch Glück

Will man an einer Weltmeisterschaft in die vorderen Ränge gelangen, braucht es neben überdurchschnittlichem Können ein Modell, das in allen Belangen durchhält. Beginnt man mit einem Motorabsteller, wie das Wolfgang Matt passierte, ist das Prestige bereits angeschlagen und es braucht unerhört viel mehr Selbstvertrauen und Kraft, solche Rückschläge aufzufangen und dennoch mit bei den Vordersten zu sein. Aus dieser Sicht betrachtet, gilt der dritte Rang von Matt als moralischer Sieg über sich selbst und die Tücken der Technik. Das Glück spielt bereits beim Ziehen der Startnummern eine entscheidende Rolle. Da die Startreihenfolge nicht aufgrund einer letzten WM-Rangliste (ähnlich wie FIS) vorgenommen wird, kann es passieren, dass Spitzenpiloten unter völlig verschiedenen Bedingungen fliegen müssen. Prettner hatte Startnummer 6, Bruno Giezendanner Nummer 56! Am ersten Wettbewerbstag wirkte sich diese Tatsache entscheidend aus. Der Wind begann etwa um 10.00 Uhr und frischte zusehends auf. Am Abend erreichte er, wie erwähnt, die Stärke eines Hurrikans. Wer an diesem Tag zuletzt fliegen musste, wie das bei Bruno der Fall war, hatte mit zur Piste rechtwinkligem Querwind, zum Teil mit Geschwindigkeiten von über 11 m/sec (bei 13 m/sec wird abgebrochen) zu kämpfen. Dazu kam, dass er dieses zwangsläufige Streichresultat gleich bei der besseren Punktrichtergruppe geflogen hatte. Das Wetterglück spielt bestimmt im Segelflug eine noch grössere Rolle, hat aber auch im Kunstflug seinen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Thermische Ablösungen – über grossen Pisten bekanntlich keine Seltenheit – aufziehende Gewitter, Auflösung der Bewölkung, einsetzender Niederschlag, Einbruch der Dämmerung u. s. f. sind stets mit von der Partie. Beim Skirennsport, der ja auch zum Freiluftsport gehört, versucht man wechselnden Witterungseinflüssen dadurch zu begegnen, indem man das Teilnehmerfeld in Gruppen einteilt, wobei ähnlich starke Teilnehmer zusammengefasst werden. Die Qualifikation für diese Gruppen wird aufgrund früherer Rennen vorgenommen. Diese Möglichkeit scheint mir sinnvoll, um so mehr, als heute mit den austauschbaren HF-Modulen problemlos die Frequenzen ausgetauscht werden können.



Man stelle sich einmal die schweizerische Luftwaffe vor!

Die Weltmeisterschaften fanden in Springfield auf einem kleineren Flugplatz statt, wo unter anderem auch etliche Staffeln Kampfflugzeuge der Air Force stationiert waren. Diese Staffeln blieben während der fünfzehntägigen Veranstaltung nicht etwa am Boden, sondern starteten und landeten laufend und mit Getöse. Die ganzen WM-Beteiligten mussten, um zum WM-Gelände (eine alte Nebenpiste) zu gelangen, die durch diese Staffeln benutzte Hauptpiste überqueren. Konkurrenten, Funktionäre, Tausende von Zuschauern. Kadetten besorgten die Fahrzeugeinweisung. Die Hauptpiste durfte nur überquert werden, wenn der zuständige Kadett dafür das Zeichen (Winken mit dem Arm) gab. Man stelle sich dies einmal in der Schweiz vor und erst noch auf einem Militärflugplatz. An dem der WM vorangehenden Wochenende wurde auf dem selben Platz, an der selben Stelle, die WM-Ausscheidung durchgeführt. Die Piloten der US-Mannschaft kannten somit die Bedingungen (Querwind, Geländedeformen, Böen hinter dem Wäldchen etc.) bestens aus eigener Erfahrung. Das ist der Platzvorteil, den sich ein organisierendes Land nie entgehen lassen sollte. Man stelle sich auch die zahlreichen ausländischen Journalisten aus aller Welt vor, die sich ungehindert bewegen und nach Belieben fotografieren durften. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass auch in der Schweiz Militärflugplätze vermehrt für internationale Veranstaltungen benutzt werden dürfen. Wenn sich auch die These, dass Militärpiloten meistens Modellflieger waren, nicht immer bewahrheitet, so kann man doch unbedenklich sagen, dass die mind. 10000 Modellflieger der Schweiz sich besonders heute, wo bekanntlich auch die Luftwaffe in Frage gestellt wird, als ernstzunehmende Vorkämpfer für den Fluggedanken, hinter unsere Militärflieger stellen. Mit ihnen sollte man es nicht verscherzen, denn Modellflug ist die einzige fliegerische Betätigung, welche durch jedermann ausgeübt werden kann, also ein Sport fürs Volk. Das weiss die US-Air Force und die Zusammenarbeit zwischen Militär und Modellflug ist denn auch in den Vereinigten Staaten vorbildlich. Ich glaube, dass wir und die Direktion der Militärflugplätze hier ein konstruktives Beispiel vorfinden würden. Ich möchte, dass man zusammen mit den entsprechenden Stellen weitere Möglichkeiten für die Flugplatzbenutzung finden könnte.


Und die Zukunft?

Die Zukunft sieht für den europäischen und schweizerischen RC-Kunstflug nicht eben rosig aus. Allerdings kein Grund, um durchwegs schwarz zu sehen. Für schweizerische Verhältnisse glaube ich, dass es vor allem an geeigneten, weiten und offenen Trainingsplätzen fehlt. Die bestehenden Modellflugplätze stehen naturgemäss den viel zahlreicheren Nichtwettbewerbsfliegern genauso zur Verfügung wie den trainierenden Piloten. Die Benützung von Militärflugplätzen muss langfristig geplant werden, was nicht immer möglich ist. Gras- und Kunststoffpisten eignen sich nur bedingt und erfordern ein Umstellen der Start- und Landetechniken. Vielleicht könnte da ein Herausnehmen von Start und Landung aus der Flugbewertung Abhilfe schaffen (Las Vegas). Die Schaffung eigentlicher Trainingslager muss weiterhin verfolgt werden. Der Aufgabenbereich eines Mannschaftsleiters ist heute so vielfältig und anspruchsvoll, dass künftig ernsthaft überlegt sein will, ob es nicht sinnvoll sei, ihm einen Assistenten zur Seite zu stellen. Damit wäre auch auf dieser Ebene an das Nachwuchsproblem gedacht. Ich komme heute ganz auf eine straffere Mannschaftsführung zurück. Die Individualität der Modellflieger ist sehr ausgeprägt. Wir können uns wohl kaum vorstellen, unsere persönlichen Wünsche und Ansichten zugunsten einer Mannschaft dermassen zurückzustellen, wie dies bei den Japanern der Fall ist. Der nach aussen eher lässig wirkende Führungsstil der Amerikaner täuscht. Dahinter steckt trotz allem Härte, Selbstvertrauen und, vor allem was die Mannschaftsführung betrifft, ein ganz klares Konzept, basierend auf unerhört viel Erfahrung und Wissen.

Die Leistungen des Österreichers Hanno Prettners müssen gewürdigt und akzeptiert werden. Ähnlich, wie dies vor acht Jahren in der Schweiz der Fall war, wird auch dieser Weltmeistertitel für den österreichischen Modellflug eine enorme Belebung mit sich bringen. Für die übrigen Länder und Modellflieger wird jetzt naturgemäss zum Angriff gegen Prettners geblasen. Den Weltmeister zu schlagen, war vor Jahren für Prettner ein erstrebenswertes Ziel. Jetzt ist er selbst zu diesem Ziel geworden und der Kampf gegen ihn wird mit allen Mitteln geführt werden, genauso wenig zimperlich, wie dies aus seinen Kreisen damals geschah. Der nächste Ex-Weltmeister wird Prettners heissen. Die Frage ist nur, wann? Dies ist der Lauf des Sportes und das Problem des Menschen. Ich hoffe sehr, dass Prettner an interessanten und fairen Meisterschaften weiterhin Sportler bleibt und Mensch. Das ist – wenn man in den Mittelpunkt des Geschehens rückt – nicht immer ganz einfach. Für die europäischen Spitzenpiloten wird es nun ganz besonders spannend werden, gegen ihn anzutreten. Ich wünsche dabei Hanno Prettner, aber auch allen andern, viel Glück.

Eines ist sicher, dass das FAI-Kunstflugprogramm wesentlich schwieriger gestaltet werden muss. Der entsprechende Vorschlag aus der internationalen RC-Kommission liegt bereits heute vor. Dies bedingt jedoch, dass auch auf nationaler Ebene einiges getan wird.

Technischer Bericht über Modelle, Fernsteuerungen, Motoren, Lärmmessungen usw. lesen Sie im nächsten Heft.




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