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Jugend und Modellflug

von Emil Giezendanner
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Liebe Leser,

in letzter Zeit habe ich feststellen können, dass sich in vermehrtem Masse Jugendliche unseren Modellfluggruppen anzuschliessen beginnen. Es handelt sich um Volksschüler, Lehrlinge und Mittelschüler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Während ich lange Jahre eher "schwarz sah" für den Modellflieger-nachwuchs, und das Fliegen mit Fernlenkmodellen vor allem den Verdienern oder "besseren" Söhnen vorbehalten war, sieht heute die Situation für unsere Modellfliegerbewegung - soweit ich das überblicken kann - sehr viel positiver aus.


Nun, wo könnten die Gründe für die zunehmende Verjüngung zahlreicher Modellfluggruppen zu suchen sein? Ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht, die zwar weder wissenschaftlich belegt werden sollen, noch den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es handelt sich lediglich um ein Stück Erfahrungsgut, das ich in der Folge Ihnen nicht vorenthalten möchte:


1. Finanzielle Gründe

Obwohl die Qualität und der technische Stand des käuflichen Modellbauzubehörs in den letzten Jahren ein Gewaltiges an Verfeinerung und Verbesserung erfahren hat, sind zahlreiche Produkte wie Motoren, Fernsteuerungen und Bauteile aus Kunststoff im Verhältnis wesentlich preisgünstiger geworden. Während noch vor drei bis fünf Jahren unter 2000 Franken praktisch keine zuverlässige Fernlenkanlage erhältlich war, ist es heute kein Problem mehr, solche Geräte Dank moderner Elektronik und industrieller Fertigung für die Hälfte - und dies trotz Geldentwertung - zu erstehen. Rationelle Herstellungsmethoden, grosse Auflagen, intensive Forschung und Entwicklung haben den Modellflug - auch aus der finanziellen Sicht betrachtet - der Jugend beziehungsweise dem strapasierten Portemonnaie des Familienvaters nähergebracht. Bestimmt bringt diese Entwicklung, wie übrigens jeder sogenannte Fortschritt, auch Nachteile mit sich - die Erschliessung des Modellflugs für jedermann, auch für die Jugend, scheint mir aber trotzdem bemerkenswert und kann für uns zur echten Aufgabe werden.


2. Äussere Strukturprobleme

Bekanntlich wird die moderne Landwirtschaft zunehmend intensiver, d. h. unsere Bauern sind - wenn sie überleben wollen - gezwungen, aus immer weniger Boden immer grössere Mengen zu produzieren. Wenn es früher für die Modellflieger selten ein Problem war, ihre Modelle auf irgend einer Wiese steigen zu lassen, so wird das aus den erwähnten Gründen je länger je schwieriger, weil praktisch jeder Quadratmeter bestmöglich genutzt sein will und kaum irgendwo eine Ecke zum Betreten übrig bleibt. Für die meisten Modellflieger heisst das aber, dass sie, wenn sie ihr Hobby regelmässig ausüben möchten, auf erhebliche Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Übungsplätzen stossen. Deshalb ist für viele der Anschluss an eine Modellfluggruppe mit eigenem oder gepachteten Fluggelände naheliegend, und sie nehmen in den meisten Fällen gerne in Kauf, dass sie sich dort einordnen müssen, nur zu bestimmten Zeiten fliegen dürfen, auf den übrigen Flugbetrieb Rücksicht nehmen müssen u.s.f., was die Gruppe überall an der persönlichen Freiheit des einzelnen beschneiden mag. Auch diese Entwicklung hat ihre ganz spezifischen Schattenseiten, kann aber für den Modellflug zur entscheidenden Ueberlebensfrage werden.


Innere Strukturprobleme

Die jetzige mittlere Modellfliegergeneration, die wohl den zahlenmässig grössten Anteil stellt, hat vom Elternhaus noch relativ oppositionslos übernommen, dass der berufliche Einsatz, das sogenannte Vorwärtskommen, das Streben nach materiellen Zielen und Erfolg die höchste Tugend sei. Die Urkunde des Vaters "Für vierzig Jahre treue Dienste bei der Firma Y" sitzt uns allen noch tief in den Knochen, während die heutige Jugend auch in dieser Beziehung (zu beurteilen, ob das "besser oder schlechter" sei, soll hier nicht unsere Aufgabe sein) eine liberalere Haltung einnimmt und solche Wertmassstäbe kurzerhand über Bord wirft. Vielleicht zeigt uns diese Jugend jedoch, dass neben dem äusseren, materiellen Erfolg auch innere, ganz persönliche Neigungen ausgegraben und befriedigt sein wollen. Hier könnte ein Ansatzpunkt für eine grössere Gewichtung der Freizeit des Menschen zu finden sein. Freizeit als zumindest vorübergehende Befreiung, als Ausgleich. Vor nicht allzu langer Zeit war es beinahe verdächtig, freie Zeit zu haben, und wer diese Zeit gar mit "sinnlosen Spie-lereien" vertrieb, wurde nicht ernst genommen. Aerzte, Psychologen, Soziologen und weitere Kreise haben jedoch heute die Wichtigkeit der Freizeitgestaltung des modernen Menschen erkannt. Die Jugend soll nicht mehr einseitig auf beruflichen Erfolg gedrillt sondern in ihrer Ganzheit entfaltet werden, und dazu gehört eben auch die Freizeit - etwas, das man zulange dem Zufall überlassen hatte.


Mit freundlichen Grüssen

Emil Giezendanner



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