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Modell-Flugsport — Volkssport

von Emil Giezendanner
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Will man die Entwicklung des Modellflugs richtig verstehen, kommt man nicht darum herum, sich mit der Entwicklungsgeschichte der Sportfliegerei überhaupt auseinanderzusetzen.


Die Entwicklung des Flugsports

Ich schätze den Kontakt mit alten (aber jung gebliebenen) Fluggpionieren sehr. Gerne lausche ich ihren Erzählungen und bunten Schilderungen und Träumen: wenn ich vor 50 Jahren aktiver Flieger gewesen wäre, hätte ich wohl kaum mit Modellflug begonnen. Wahrscheinlich wäre ich mit jenen Fluggpionieren gezogen, hätte Hängegleiter und andere Drahtkommoden gebaut und diese schwitzend und keuchend Sonntag für Sonntag auf irgend einen Hügel geschleppt u. s. f. Man darf ruhig sagen, dass die Sportfliegerei zuerst dagewesen sei — es gab nur den Flugsport. Pioniergeist, Mut, Draufgängertum, das sich stetige Weiterentwickeln, der Wunsch Neues zu schaffen und mehr heraus zu holen sind Eigenschaften, welche im Sport ganz besonders hervortreten. Unsere Fluggpioniere waren erstklassige Sportler. Erst die später einsetzende (ernsthafte) Beschäftigung mit der Fliegerei hat das Betätigungsfeld des Flugsportlers eingeschränkt. Die wissenschaftlich-technische Entwicklung, die industrielle Fertigung — der Sportler ist durch den Ingenieur abgelöst worden — haben aus dem Flugsportler mehr oder weniger einen Konsumenten gemacht, welchem schöpferische Tätigkeit, Pioniergeist und das wirkliche Abenteuer weitgehend verloren gegangen sind. Die grosse Beliebtheit des Segelfliegens, der gewaltige Mitgliederzuwachs bei den Paraclubs und die rasche Entwicklung des Modellflugsports in den letzten zehn Jahren sind deutliche Zeichen dafür, dass viele Flieger nicht einfach Verbraucher sein wollen, sondern in irgend einem Winkel noch den alten Fluggpionier verborgen halten. Die «Rückkehr zum Modellflug» zahlreicher Linien- und Militärpiloten sprechen für den Modellflugsport und seine Chance als konstruktiv-handwerklicher und fliegerischer Tätigkeitsbereich. Wohl hat sich in der Grossfliegerei mit dem «Experiment» in einigen Ländern eine gewisse Gegenbewegung zum reinen Konsumentenverhalten durchgesetzt. Die Baukasten-Flugzeuge erfreuen sich steigender Beliebtheit, doch wird sich dieses Hobby nur bedingt durchsetzen können, da der Aufwand (Werkraumbedarf, Transportproblem, Einstellplatz etc.) bei weitem grösser ist, als beim Modellflug. Paltzmangel ist besonders in Europa ein zentrales Problem geworden. Der Lebensraum des einzelnen Menschen ist kleiner. Ueberall muss er sich einschränken, Rücksicht nehmen auf den andern und Gesetze beachten welche das Leben auf engem Raume erst möglich machen. Kein Wunder also, dass auch der Fluggpionier seine Kiste kleiner baut.


Der Modellflug und das Fertigmodell

Dass die im ersten Abschnitt aufgezeigten individuellen Neigungen wie Pioniergeist, die Suche nach neuen Möglichkeiten, handwerkliches Schaffen etc. nicht alleinige Motive für das Betreiben des Modellflugs sein können, ist in jüngster Zeit recht deutlich zum Ausdruck gekommen. Die industrielle Herstellung von Flugmodellen, welche bei uns vor ca. zwei Jahren ihren (sehr umstrittenen) Start gemacht hat, erschliesst der Modellflugbewegung einen z. T. völlig neuen Kreis von Leuten. Alle jene nämlich, welche sich das bisschen Fliegen am Sonntag nicht mit Balsaspänen in der Suppe, Leim auf dem Teppich und Spannlack auf dem Küchentisch erkaufen wollen. Vor allem aber nicht ihre übrige Freizeit für das mühsame und viel Geduld erfordernde Bauen verwenden wollen (können/dürfen). Am Sonntag hinaus aufs Feld — frische Luft — interessante Flüge — steuern — Kameradschaft mit Gleichgesinnten — eins trinken (oder zwei) — ganz einfach den Plausch haben — könnte bei diesen Modellfliegern etwa die Motivation für ihr Hobby sein. Dies aber sind Bedürfnisse, welche beim modernen Menschen ausgesprochen häufig vorhanden sind — man sucht Ablenkung, Zerstreuung. Dazu kommt, dass beim besten Willen nicht alle Menschen handwerklich begabt sind; und wer sich bereits drei Finger abgesägt hat, gibt besser auf, denn er hat schliesslich nur noch sieben. Tatsache ist, dass ohne Bedürfnis und Nachfrage niemand auf die Idee gekommen wäre, Flugmodelle maschinell in grossen Serien herzustellen. Eine Industrie entwickelt sich nur dort, wo ein wirkliches Bedürfnis besteht. Und ob man es wahrhaben will oder nicht, die Nachfrage nach Fertigmodellen ist gar nicht gering. Weshalb, sollen alle diese Leute auf die Faszination des Modellflugs verzichten müssen? Ich muss gestehen, dass ich am Anfang dieser Entwicklung ausgesprochen skeptisch gegenüber stand. Die Entwicklung des Modellfliegers, so sagte ich mir, muss über «Herz und Hand» gehen — nicht bloss übers Portemonnaie (wobei ich nach wie vor an den erzieherischen Wert des Flugmodellbaus mit Jugendlichen glaube). Weshalb soll man aber in unserer schnelllebigen Zeit nicht auch einmal solche «Gesetze» umstossen und von einem Tag auf den andern Modellflieger (zumindest Modellbesitzer) werden? Die Möglichkeit, dass man ein Flugmodell im Geschäft fertig erstehen kann, bringt manchen dem Modellflug näher, der es sonst aus verschiedenen Gründen eben nie geworden wäre — wer weiss, wie viele dieser «Modellkäufer» schliesslich doch einmal das Bedürfnis haben, ihren Kahn selbst zu bauen und somit aber Modellbauer geworden sind. Allerdings hat er einen andern Weg beschritten als viele, wahrscheinlich bis jetzt die meisten von uns. Ob dieser Weg nun schlechter oder besser sei, muss jeder mit sich selbst ausmachen — ich glaube, hier lässt sich keine allgemeingültige Regel aufstellen. Hauptsache ist das Fliegen, die persönliche Beziehung zu Wind, Wolken und Himmel — die Freude an seinem Vogel (der Mensch braucht seinen Vogel!).


Die Breitenentwicklung des Modellflugs

Durch die zusätzliche Möglichkeit des Modellkaufs ist der Modellflug zum wirklichen Volkssport geworden — praktisch jeder kann also Modellflieger werden. Diese neue Perspektive wird im Modellflug eine gewaltige Breitenentwicklung zur Folge haben. Automatisierung und Spezialisierung im Berufsleben und die Tatsache, dass man in einigen Jahren vermehrt in riesigen, städteartigen Wohnquartieren leben wird, können dem Modellflug ungeahnt viele neue Anhänger bringen. Zu hunderten fährt man hinaus aufs Feld um sein RC-Modell zu starten. Die Elektronik der Zukunft wird es möglich machen, dass einige -zig Modelle gleichzeitig in der Luft sein können. Elektromotoren ersetzen vielleicht geräuschlos die herkömmlichen «Knall-Treiblinge». Diese Zukunft will jedoch, so man ein grosses Durcheinander vermeiden möchte, richtig geplant sein. Schon aus diesem Grunde wäre eine Spaltung zwischen Modellbauern und «Modellkäufern» ungefähr das Dummste, was uns passieren könnte. Wir müssen gemeinsam versuchen die grossen Probleme, die auf uns zukommen zu meistern; damit wir uns nicht selbst zerstören. Dass nicht Gedankenlosigkeit, Disziplinlosigkeit und Rücksichtslosigkeit einiger weniger den ganzen Modellflug in Frage stellen können.

Denn es ist m. E. heute schon recht schwierig eine klare Trennlinie zwischen dem Kauf und dem Bau eines Flugmodells zu ziehen. Wieviele Bauteile, Zubehöriteile, vorfabrizierte Flächen oder Zellen etc. kauft heute ein Grossteil der sog. Modellbauer. Heute muss man noch die RC-Anlage selbst einbauen; dass Flugmodelle mit fertig eingebauter Anlage auf dem Markt erscheinen, ist nur noch eine Zeitfrage und die Zeit bleibt bekanntlich nicht stehen. Schliesslich könnte ein Fertigmodell, das nicht befriedigt, Anstoss zu einem selbstgebaute oder gar selbst konstruierten Modell sein. Aus verlässlichen Quellen weiss ich, dass trotz Fertigmodell, Plastik-Erzeugnissen aller Art, noch nie so viel gebaut wurde wie heute — der Absatz an Balsaholz ist enorm. Das Erlebnis des Entstehens eines Modellflugzeuges, des schöpferischen Werkens bis zum mit Spannung und Herzklopfen erwarteten Erstflug, bleibt immer im Bereich der persönlichen Gefühlswelt und lässt sich niemals maschinell erzeugen.



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