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Probleme des Wachstums

von Emil Giezendanner
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Die meisten Modellfluggruppen unserer Region gehören in jene Gebiete, welche schweizerisch gesehen die grösste Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung durchmachen, die stärkste Wohnbautätigkeit und den grössten Bevölkerungszuwachs aufweisen und überdies die höchsten Landpreise zu verzeichnen haben. Alles wächst, wird grösser, nimmt zu — nur die Landfläche nicht. Diese Tatsache — so kommt es mir manchmal vor — steht wie ein drohendes Ungeheuer hinter unserer Modellflugbewegung.


Modellflugplätze

Die Verstädterung unserer Landschaft hat unwiderruflich eingesetzt und ist z.T. weit fortgeschritten. Der Boden wird rar und dort, wo er noch landwirtschaftlich genutzt wird, geschieht dies so intensiv, dass der Landwirt ungern auch nur einige Quadratmeter abtreten will; denn entweder will er durchhalten — oder verkaufen. Zudem sind viele Landwirte in der näheren Umgebung der Städte durch rücksichtsloses Verhalten immer grösser werdender Ströme von Wochenendausflüglern derart verbittert, dass sie jegliches Betreten ihrer Grundstücke und Befahren der Flurwege grundsätzlich ablehnen. Unter dieser Entwicklung haben die Modellflieger und zwar auch die Landgruppen z.T. recht schwierige Existenzbedingungen. Zwar wird in unserer Region hin und wieder ein neuer Modellflugplatz eröffnet (dieses Jahr sind zwei neue Plätze zu erwarten), doch steht dies in keinem Verhältnis zum Bedürfnis und zur Zuwachsrate. Die Modellflieger müssen hier vermehrte Anstrengungen erbringen. Dies ist in erster Linie eine Aufgabe der einzelnen Gruppen, denn nur sie sind mit den örtlichen Verhältnissen genügend bekannt. Auch scheint mir eine stärkere Dezentralisierung der Modellflugplätze sinnvoll und erwünscht. Zudem ist es für den «Einheimischen» einfacher mit den Behörden zu verhandeln, wird er doch dort als stimmberechtigter Gemeindeglieder eher angehört und kennt erst noch seine Pappenheimer. Viele Modellflieger haben in dieser Beziehung ihren Glauben an die «Modellflug-Obrigkeit» noch immer nicht verloren — für sie gilt der nächste Satz: Hilf Dir selbst, dann hilft * Dir der Aero Club.


Modellflug und Umweltschutz

Dass sich viele Menschen gerade in unserer Region in vermehrtem Masse gegen «lästige Einwirkungen aller Art» vehement zu wehren beginnen, ist eine indirekte Auswirkung unseres Wirtschaftswachstums. Die Erschliessung von riesigen Industrie- und Wohnkomplexen in den letzten 10-20 Jahren, die gewaltige Zunahme des Luft- und Strassenverkehrs hat unsere Umwelt und deren Prinzip der natürlichen Regeneration vielfach überfordert. Die zunehmende Spezialisierung der Berufsarbeit und der Drang zum Wachstum, zur Leistung, überfordert aber auch die seelischen Kräfte des Menschen. Und wenn der Berufstätige früher, nach anstrengender Arbeit sich zuhause erholen (regenerieren) konnte, so erwarten ihn heute zuhause Radio und Fernsehen, während seiner lebenswichtigen Nachtruhe Motorfahräder, welche im Quartier ihre Runden absolvieren, Zuschlagen von Autotüren und sportliches Wegfahren. Versucht er endlich — als letzte Rettung — die Flucht in die Natur, so bleibt er zwei Stunden eingeklemmt in einer stinkenden Verkehrskolonne und an seinem traditionellen Badestrand trifft er auf das Schild «Badeverbot». Die Resultate dieser menschlichen Überforderung kennen wir: Aggressivität, Unzufriedenheit, Intoleranz, Verantwortungslosigkeit und völlige Gleichgültigkeit. Genau diese psychologischen Probleme machen unserer Modellflugbewegung viel stärker zu schaffen, als etwa das Geräusch unserer Motörchen, das ja in keinem Verhältnis zum tolerierten Lärm (Strassenverkehr, Sommernachtsfeste, Kirchenglocken etc.) steht und sich niemals nachts abspielt.



Deshalb soll niemand daran glauben, dieses Problem lasse sich allein technisch lösen (weitere Verbesserung der Schalldämpfer, Elektroflug etc.). Es zeigt sich auch hier, dass nach den technischen Verbesserungen weitere Massnahmen sozialpsychologischer und politischer Art folgen müssen. Dazu ist die Zeit für uns recht günstig: Bund, Kanton und Gemeinden geben heute hunderttausende von Franken aus, um dem Volke eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen (Sportanlagen aller Art, Freizeitanlagen, Werkstätte, Jugendhäuser etc.). Es ist höchste Zeit, dass wir versuchen bei Behörden und Öffentlichkeit Verständnis für den Modellflug zu wecken — dafür, dass der Modellflug seit Jahrzehnten mit viel Idealismus an der Lösung des Freizeitproblems mitarbeitet und zwar ohne den Fiskus zu belasten. Wir müssen beweisen, dass der Modellflug nicht ein Problem des Umweltschutzes ist, sondern eine anregende und vielseitige Freizeitbeschäftigung und Sportart und, dass es deshalb gesellschaftspolitisch sinnvoller wäre, solche Bewegungen zu fördern und zu unterstützen, statt sie zu bremsen. Immer wieder stelle ich mit Erstaunen fest, wie viel in einzelnen Behörden über ein Flugzeugmotörchen diskutiert werden kann, während man gleichzeitig über stinkenden, schwarzen Industrierauch verblüffend rasch hinwegsieht. In einer Gemeinde, in der einige Einwohner wegen Modellfluglärms reklamierten, liess sich einwandfrei nachweisen, dass es sich um den Lärm von Motorsägen im nahen Wald arbeitender Holzer gehandelt hatte — und wer jetzt meint, man hätte darauf die Motorsägen verboten, glaubt nicht direkt an den Storch, darf aber immerhin eine gewisse Naivität für sich in Anspruch nehmen.


Wachstum auch im Modellflug

Es würde mich nicht wundern, wenn der Leser durch meine vorgängige Schilderungen den Eindruck erhalten haben könnte, dass die aktive Beteiligung am Modellflugsport rückläufig oder gar zum Tode verurteilt sei. Dieser Eindruck wäre sofort zu korrigieren. Der Modellflug gewinnt Jahr für Jahr eine grosse Zahl an Freunden. Allerdings lassen sich diese Zahlen nicht an den Mitgliederzahlen der Modellfluggruppen oder der Regionen abschätzen — obwohl unsere Region einen seit vielen Jahren anhaltenden Zuwachs zu verzeichnen hat — sondern vor allem am Geschäft, das mit dem Modellflug gemacht wird. Die Modellbauindustrie Amerikas, Englands, Deutschlands und Italiens widerspiegeln die steigende Popularität des Modellflugs. Als einziger Flugsport hat der Modellflug die Chance Volkssport zu werden, was natürlich wiederum zahlreiche Probleme mit sich bringt und zwar nicht nur technischer Art — der Frequenzsalat lässt sich elektronisch eines Tages lösen — viel schwieriger scheint es mir, dass die Modellflieger untereinander den Zusammenhang behalten. Bereits heute sind wir in unserer Region nicht mehr in der Lage, einen RCS-Hangflugwettbewerb gesamtregional durchzuführen, da die Teilnehmerzahlen zu gross sind. Durch vermehrte Aufteilung und Abgrenzung wird es jedoch immer schwieriger, den Kontakt zwischen den Gruppen und den einzelnen Leuten aufrecht zu erhalten. Ich hatte schon bei anderer Gelegenheit erwähnt, dass es eine Zeit gab, wo alle Modellflieger der Schweiz an einem Stammtisch Platz fanden. Glaubt aber ja nicht, dass jene Leute damals alle einer Meinung waren — auch da gab es Differenzen. Wichtig scheint mir das Gesamtziel: der Modellflug. Dass sich die Obmänner der Region 5 für das Mitteilungsblatt entschieden haben, ist meiner Meinung nach eine Ausdrucksform dafür, dass wir trotz des Wachstums und aller damit verbundenen Probleme dieses Ziel vor Augen haben — vor allem aber, dass wir unsere gemeinsamen Interessen nur miteinander wahrnehmen können. In diesem Sinne glaube ich, hat durch den zunehmenden Druck von aussen eine erfreuliche «Götterdämmerung» eingesetzt.



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