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RC-Akrobatik-Weltmeisterschaften 1973

von Emil Giezendanner
5

Es lebte einst in Afrika
Ein weiser Marabu
Der drückte beinah'
immerfort das eine Auge zu!


Beinahe ein Vorwort

Wie immer ist auch über die Weltmeisterschaft 73 viel geschrieben worden, Druckerschwärze verbraucht, Papier bedruckt. Manchmal sind allerdings Seiten mit so viel Unsinn überfüllt, dass man glauben möchte, es gehe bei vielen Zeitschriften lediglich darum, neben vielen Werbe- und Inseratenseiten auch noch etwas «Fachliches» zu bringen, egal was, noch egalere wie! Es wäre vermessen und übertrieben behaupten zu wollen, dass ein Modellflugjournalist selbst Modellflieger sein müsse — noch vermessener scheint mir aber, wenn Modellflieger Urteile abgeben, für die sie nicht kompetent genug sind und diese sogar als Auch-Journalisten schriftlich zum Besten geben. Meist fehlt das persönliche Engagement und noch häufiger eigene, echte Erfahrung und Praxis. Immer, wenn Können und Wissen durch Spekulation, Grossmauligkeit, Wichtigtueri oder Neid und Missgunst ersetzt werden, bleibt beim Lesenden ein Vakuum zurück — anstelle des Fachwissens Leere, ein Loch, dort wo die Informationen sein müssten. Dazu kommen noch all diejenigen Dinge, über die man nichts sagt, nichts schreibt. Jeder Sportler hat mit ihnen ganz persönlich zu kämpfen — fertig zu werden.


Kurzer Rückblick

Wer wiederkehrende sportliche Spitzenanlässe wie Weltmeisterschaften, ihre Art und Besonderheiten besser verstehen möchte, tut gut daran, etwas in der Vergangenheit zu wühlen.
RC-Weltmeisterschaften finden alle zwei Jahre statt, treffen also (seit 1963) immer mit den ungeraden Jahrzahlen zusammen. Die erste WM dieser Kategorie fand 1960 in Dübendorf statt und wird von älteren Jahrgängen noch heute als «die grösste Weltmeisterschaft» glorifiziert, und viele dieser Kreise meinen, dass diese Qualitätsorganisation nie mehr erreicht werden könnte. Es gibt natürlich auch noch Modellflieger, welche trotz ihres fortgeschrittenen Alters den Realitätssinn nicht verloren haben und in der Lage sind, darauf hinzuweisen, dass auch die perfekt schweizerische Organisation von 1960 ihre ungelösten Probleme und Schwächen gehabt habe, dass solches also nicht nur im Ausland vorkomme.
Die ersten fünf der acht bisherigen Weltmeistertitel gingen alle samt und sonders über das grosse Wasser in die Vereinigten Staaten von Amerika. Es darf wohl als ganz besondere Leistung und Ehre und natürlich auch Glück empfunden werden, dass die ersten und bisher einzigen Goldmedaillen welche nach Europa wanderten, ausgerechnet von einem Schweizer Modellflieger gewonnen worden sind. Bruno Giezendanner ist glücklicher Besitzer von zwei FA1-Goldmedaillen, was wir ihm mit oder ohne Neid zugestehen müssen.
Die Vereinigten Staaten, die Schweiz und Japan konnten also bis heute untereinander allein die acht Titel verteilen. Wenn man die Nachwuchsreservoirs von Japan und U.S.A. mit unseren vergleicht, wird die Würdigung von Giezendanners Leistungen erst recht möglich. Zugleich ist dieses Phänomen auch ein Beweis dafür, dass jede Förderung durch Verbände, Industrie und Fachkommissionen sinnlos verpufft, wenn nicht der einzelne Sportler ein Höchstmass an persönlichem Einsatz aufbringt. Eine Mannschaft ist so gut wie das schwächste Mitglied, und der ganze Aufwand, der Einsatz von Trainingsleitern Teammanagern, Mechanikern etc. kann an einer einzigen Unzuverlässigkeit scheitern.



Rückblick Weltmeisterschaften
JahrVeranstalterRC-WeltmeisterNationenwertung
1960SchweizKazmirski/USAU.S.A.
1962GrossbritannienBrett/USAGrossbritannien
1963BelgienBrooke/USAU.S.A.
1965SchwedenBrooke/USAU.S.A.
1967FrankreichKraft/USAU.S.A.
1969DeutschlandGiezendanner/CHDeutschland
1971U.S.A.Giezendanner/CHU.S.A.
1973ItalienYoshioka/Jap.Japan

Organisation

Anlässlich des internationalen Graupner-Meetings 1972 in Gorizia, hatten wir Gelegenheit, das Gelände aber auch die Fähigkeit jener Leute eine RC-Meisterschaft zu organisieren, etwas näher kennenzulernen. Dazu muss noch erwähnt werden, dass Italien über zahlreiche ausgezeichnete Freiflieger in allen Kategorien verfügt, während die Spitze im RC-Kunstflug sehr schmal ist und die RC-Fliegerei nach meinem Dafürhalten erst jetzt eine gewisse Breitenentwicklung erfährt. Das wichtigste Kriterium für viele mir persönlich bekannte RC-Kunstflieger heisst noch immer: LST (Laut — Schnell — Tief). Die Lösung von zum Teil fundamentalen Organisationsfragen steckte leider auch noch an der WM 73 arg in den Kinderschuhen. Während man 1972 bis fast um Mitternacht daran herum «parlierte», was im Falle eines Ueberfliegens der Zuschauer geschehen solle, so hat man sich an der WM 73 zu einer Sirene durchgerungen und die Flugachse genau so gelegt, dass auch relativ langsame Modelle beim Wenden regelmässig über das Volk flogen. Nun, die Jury hat dann die Sirene «ausgemerzt» aber das Zuschauerproblem ist völlig vernachlässigt worden. Erst am Sonntag während des Stechens hat man in aller Eile eine Mischung zwischen einer imaginären und einer realen Abschränkung improvisiert und ganz plötzlich — ich traute meinen Ohren nicht — hat man eine Vorkriegs-lautsprecheranlage organisiert — die so fürchterlich krächzte, dass selbst die «besten Oesterreicher» mit allem guten Willen Hannos Punkte nicht heraushören konnten. Alle organisatorischen Schwächen haben die Italiener mit der grossen Teilnehmerzahl entschuldigt: «Molto concurrenti . . . schuso . . .». Als wir anlässlich der ersten Mannschaftsleiter-Konferenz einen genauen Fahrplan (analog demjenigen von 1969 in Bremen) verlangten, hat man diesen Vorschlag mit der Begründung abgewiesen, dass der Wettbewerb ohne starren Fahrplan besser ablaufe, da man die Zwischenzeiten kürzer gestalten könne. Dass damit aber Verschiebungen auf den einzelnen Plätzen durch lange Wartezeiten wieder ausgeglichen werden mussten, daran hat niemand gedacht. Immer hat man allerdings diese Verschiebungen nicht bemerkt. Als Ferdi Schaden auf Platz 1 sein Modell startklar hatte und den Sender einschaltete, ist auf Platz 2 ein Jugoslawe abgestürzt. Er hatte dieselbe Sendefrequenz wie Schaden — Zufälle gibts!


Technisches oder der Trend zur Vereinheitlichung

Immer wenn ich Berichte wie den vorliegenden schreiben muss, interessiert es mich sehr, was andere zum selben Thema geschrieben haben. Ich tue dies nicht, weil ich sonst nichts wüsste und deshalb andere Arbeit kopiere. Es geschieht aus Gründen der Objektivität. Jeder, der selbst an einer Sache beteiligt war, engagiert, vertieft und mit seinem ganzen Einsatz dabei, ist ausserordentlich gefährdet einen schiefen Blickwinkel zu haben. Die Gefahr «betriebsblind» zu sein, nur sich und seine Leistungen zu sehen, ist latent und verlangt eine
permanente Korrektur. Obwohl ich mir bewusst bin, dass auch andere Berichte immer wieder subjektive Aspekte haben — sind sie doch von Menschen und nicht von Robotern verfasst worden — glaube ich, dass die Möglichkeit andere Reportagen zu lesen hier doch ein umfassenderes und vielseitigeres Bild zu gestalten mithilft, ohne aber meine eigene Meinung und Erfahrung verleugnen zu müssen.
Gerade im modellbau-technischen Bereich geht aus praktisch allen grossen Fachzeitschriften der Welt eindeutig die Meinung hervor, dass die technische Entwicklung bei den RC-Kunstflugmodellen stagniere. Die Tendenz zu einem Einheits-Kunstflugmodell ist augenscheinlich. Grösse, Gewicht, Fläche, Formgebung, Flügelprofile etc. scheinen einander Jahr für Jahr näher zu kommen. Ganz eindeutig hat sich der Tiefdecker durchgesetzt. ... Das Modell «Whistler» von Brian Green, Australien war mit sich raffiniert schliessenden und öffnenden Radkastendeckeln ausgerüstet, um eine saubere, weniger verwinkelte Flügelunterseite zu erhalten. ... Es scheint, dass das RC-Kunstflugmodell als Sportgerät seit einigen Jahren recht «konservativ» behandelt worden ist. ... Das Risiko, der volle Einsatz. Der vorsichtige Taktiker ist wohl immer dabei, nimmt aber dem Sport Spritzigkeit, Spannung und Einmaligkeit. ... Das Modell «Salamandre», das wohl auf breiter Basis wirkliche Neuheiten in sich vereinigt, hat an der WM 73 in bescheidenem Masse Eintönigkeit und Routine aufgelockert. ... Leider ist für Bruno die Trainingszeit mit diesem Modell zu kurz geworden. Bestimmt hat er es beim Training zuhause einwandfrei geflogen. Der Nervenkrieg aber rund um die Modellkontrolle und zusätzliche weitere Schwierigkeiten haben den fliegerischen Erfolg verhindert.



Fliegerisches

Durch die seit 1971 sehr viel stärker und unkritischer gewordenen Triebwerke, ist der Trend zum grossräumigen und schnelleren Fliegen offensichtlich geworden. Dies hat allerdings zu Widersprüchen in der Bewertung geführt. ... Ich bin der Ansicht, dass die Leistungen der Spitzengruppe gegenüber 1971 nicht wesentlich höher waren. Der zweite Platz des zuverlässigen Wolfgang Matt gibt dem Kenner einen Massstab. Gewaltig verbessert hat sich demgegenüber das grosse Feld. Die Punktzahlen sind beängstigend nahe aneinander gerückt. ... Das grossartige Auftrumpfen der Japaner hat nach Doylestown eigentlich niemanden überrascht. ... Man darf die Japaner ohne Uebertreibungen als disziplinierteste und seriöseste Mannschaft bezeichnen. Es zeigt sich zudem, dass sie sich trotz des Lärms rund um sie herum weit besser konzentrieren können, als dies bei den westlichen Piloten der Fall ist. ... Die beiden Amerikaner Page und Whitley haben die grossen europäischen Flugfiguren übernommen und ad absurdum geführt. ... Ein kleines (oder grosses) Privatduell entstand einmal mehr zwischen Matt und Prettnner. ...


Und die Schweizer?

Nach dem erfolgreichen 3. Rang der Schweizer Mannschaft (Bruno Giezendanner, Fredi Schenk und Kurt Saupe) 1969 in Bremen und dem geradezu einmaligen 2. Rang! des Schweizer-Teams (Bruno Giezendanner, Emil Giezendanner und Renato Ragoni) 1971 in Doylestown war anzunehmen, dass eine Wiederholung solcher Leistungen nicht so bald wieder möglich wäre. Doch selbst mein alteingesessener Pessimismus hatte nicht mit einem derart schlechten Resultat gerechnet. Da gibt es
keine Entschuldigungen. Alles war wie verhehlt. Keiner der drei Piloten konnte nur annähernd an seine ihm gegebenen Möglichkeiten anknüpfen. ... Dass es mit dem «Salamandre» nicht geklappt hat, ist inzwischen ja hinreichend diskutiert und beschrieben worden. Es gibt da ausserordentlich gescheite und erfahrene Leute, welche über unser Modell bedeutend mehr wissen als wir selbst — besonders die Idee vom verstellbaren Schwerpunkt (der nicht stimmt) hat mich fasziniert.


Und nun?

Es ist immer sehr einfach, was die Zukunft betrifft, grosse Worte zu verlieren und Prognosen zu stellen, die doch nie stimmen. Zwei Dinge kann man aber jetzt schon mit Bestimmtheit sagen: 1. Dass wir durch die ganze Expedition sehr viel gelernt haben. 2. Dass für die WM 75 in Bern die Schweizer Mannschaft sorgfältig vorbereitet werden muss und zwar nicht nur fliegerisch, sondern auch als gut funktionierende Mannschaft.
Die Japaner haben uns bewiesen, dass Zusammenhalt, Teamarbeit und Konzentration je länger desto wichtiger werden.


Legende zu WM - Bilderbogen

- Bild 1 RC- Weltmeister 1973 Tsugutaka Yoshioka, Japan. Sein Bruder wirkte als Mechaniker. Die beiden sind hier mit den Startvorbereitungen beschäftigt. Modell Blue Angel.
- Bild 2 Wolfgang Matt, Liechtenstein holte wie 1971 abermals die Silbermedaille. Hier mit Modell Super Star.
- Bild 3 Hanno Prettnner, Oesterreich hat sich gegenüber 1971 um einen Rang verbessert. Sein Modell Super Sicroly ist mit Landeklappen ausgerüstet.
- Bild 4 Harald Neckar, BRD, belegte den 4. Platz. Sein Modell Mephisto gehört zu den bemerkenswertesten Konstruktionen dieser Weltmeisterschaft. Der Mephisto ist mit Pendelhöhenruder ausgerüstet.
- Bild 5 Den 5. Platz belegt Norman Page, USA. Sein Modell Mach 1 fällt durch seine grosse Flächentiefe auf. Es ist ausserordentlich sauber gearbeitet. Norman Page hat an dieser WM wohl die grössten Flugfiguren gezeigt.
- Bild 6 Recht erfolgreich war diesmal die Kanadische Mannschaft. Von links nach rechts: Ivan Kristensen (14. Platz), Philip Soden (6. Pl.), Warren Hitchcox (26. Platz). Soden war anfangs der WM ganz vorne mit dabei und war lange Zeit an 2. Stelle der Rangliste zu finden.
- Bild 7 Punktgleich mit Soden, ebenfalls auf dem 6. Platz, war der Japaner Yoshiki Takahashi mit seinem Modell Cinnamon.
- Bild 8 Sieger sind oft einsam.
- Bild 9 Der Japaner Tetsuiji Okumura, der 3. des erfolgreichen japanischen Teams, auf Platz 9.
- Bild 10 Siegerehrung.
- Bild 11 Startvorbereitung: Bruno Giezendanner kurz vor dem Start mit seinem Salamandre. Kurt Müller (links), Mannschaftsleiter, und Mario Waldmeier (rechts), Mechaniker.
- Bild 12 Die Japaner haben allen Grund glücklich zu sein. Links Okumura, rechts Yoshioka.
- Bild 13 Ein Teil des US-Teams. Von links nach rechts: James Martin (11. Rang), Ron Chidgey, Team-Manager und Norman Page (5. Rang).
- Bild 14 Die Mannschaft aus dem Fürstentum Liechtenstein.
- Bild 15 Ernste Gesichter bei den Schweizern. Von links nach rechts: Willi Gloor, Mechaniker, Renato Ragoni (64. Platz), Kurt Müller.
- Bild 16 James Whitley (8. Platz) mit seinem bewährten Daddy Rabbit.
- Bild 17 Marabu an der Messwand der Modellkontrolle.
- Bild 18 Eliptischer Flügel beim Modell des Südafrikaners John Brink (63. Platz).
- Bild 19 Das Modell Sandrair des Südafrikaners Ivan Olivier (43. Platz).
- Bild 20 Die Schweizer Mannschaft hat sich mit den Japanern gut verstanden.
- Bild 21 Zu den elegantesten Modellen dieser Weltmeisterschaft gehörte der Demon des Yugoslawen Franci Markun (32. Rang).
- Bild 22 Die Mannschaft aus der Bundesrepublik Deutschland. Kurt Matke, Deutscher Meister 1972 (22. Platz), Harald Neckar (4. Platz) und Mannschaftsleiter Rudolf Godel.
- Bild 23 Edi Maranta, MG Wohlen,
- Bild 24 Die Flaggen werden eingezogen. Schlusszeremonie.


Rangliste
RangNameLandPunkteRC-AnlageMotor
1.Tsugutaka YoshiokaJapan28 420DegiconEnya 60
2.Walfgang MattLiechtenstein(12 130)SimpropHP 61
3.Hanno PrettnnerOesterreich(12 104)SimpropWebra-S.
4.Harald NeckarB.R.Deutschl.(12 420)VariopropHB 61
5.Norman PageU.S.A.(12 165)Pro-LineRoss 61


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