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Saallflug-Weltmeisterschaft (F1D)

von Werner Heise
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Vorgeschichte: Anfangs Januar 1974 fanden sich vier Idealisten zusammen, um die in der Schweiz bereits in Vergessenheit geratene Modellflug-Kategorie Saallflug (F1D) neu zu beleben. Um die ganze Sache etwas anspornend zu gestalten, setzte man sich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zum Ziele. Jeden Frühling an der Obmännerkonferenz der Region 5 wird eine Modellkategorie zur Förderung empfohlen. 1974 eben das Saallfliegen.


Was nun alles an Arbeit bewältigt werden musste, könnte an Beschreibung dieses ganze Heft füllen. Nur einige Beispiele: Orientierung anhand Uebersetzungen aus den Heften Modelar, CSSR / Aero Modeller, GB. Aus deutsch geschriebenen Büchern und Heften fanden wir nur ältere Literatur. Es folgte die Konstruktion eines eigenen Modelles. Spezialwerkzeuge mussten selbst hergestellt werden. 1/100 Gr.-Waagen, Gummiaufziehmaschinen, Uebersetzung 1 : 50, etc. Es folgte die Herstellung aller Schablonen und zwar wegen der kurzen Zeitspanne jeden Konkurrenten einen eigenen Satz. Mikrofilm-Versuche. Zellenverspannungsversuche mit Chrom-Nickel-Stahldraht Ø 0,02 mm. Auffinden einer geeigneten Halle für die ersten Flugversuche und das weitere Training. Es folgte Bauen,

Bauen — Fliegen, Fliegen!! Besondere Aufmerksamkeit mussten wir auch dem Transport mit Flugzeug und Lieferwagen schenken (stets 1 Mann beim Umladen dabei).


Wettbewerbsablauf und technischer Bericht

Dienstag, 2. Juli. Abflug in Kloten mit Flug Balair BB 700, 1.00 Uhr. Ankunft in NewYork 15.00 Uhr. Weiterfahrt mit von der AMA bereitgestelltem Lieferwagen und PW durch New York nach Lakewood (Unterkunftsort für Begleiter) und Lakehurst (Veranstaltungsort und Unterkunft für Teilnehmer in Militärbaracken).

An diesem Abend hätten wir noch gerne einige Trainingsflüge absolviert. Wir mussten 3 Stunden warten, da alle Betten in der Unterkunft belegt waren, auch der Luftschiffhangar war geschlossen, so mussten wir uns Wohl oder Uebel auf den nächsten Tag vertragen.


Mittwoch, 3. Juli. Nach einem reichlichen amerikanischen Frühstück in der Kantine der Air Naval Station richteten wir uns im Airship-Hangar Nr. 5 unser Lager ein. Neben uns waren die besten Lehrer, die Polen, die als Mannschafts- als auch als Einzel-Sieger präsentierten.

Bevor wir unsere Kisten auspackten, machten wir einen kurzen Rundgang bei den weiteren 11 anwesenden Nationen.

Bei den Engländern fielen uns besonders die kleinen Transportkisten mit Plexiglas-Seitenwänden auf. 2 Vorteile: 1. Je kleiner desto transportabler. 2. Durch das freie Besichtigen der feinen Modelle wird dem Transportierenden die Vorsicht deutlich bewusst.

Die Amerikaner besitzen die grösste Zahl von Saalfliegern. Allein in der Kategorie F1D (Mikrofilmbespannte Modelle, Flügelspannweite 65 mm, Minimalgewicht der Zelle 1 g) ca. 250. Hier wurde die härteste Ausscheidung für die WM durchgeführt. So war zum Beispiel der 4. Plazierte nach 8 Wettkämpfen nur 6 Sekunden hinter dem 3. des endgültigen Teilnehmer-Teams. Zusätzlich zur Mannschaft startete auch der letzte Weltmeister M. Andrews, USA, 61 Jahre alt. Dieser Mann besitzt 30-jährige Erfahrung im Saalfliegen und zählte zu den Pionieren. Als erster überbot er im Jahre 1949 die legendäre 30-Minuten-Grenze. Er flog nach meiner persönlichen Ansicht das schönstgebaute Modell. Gewicht 1,02 g. An seinem Modell waren im Weiteren zwei bedeutende Neuigkeiten zu entdecken. Normalerweise besitzt der Innenflügel beim Kreisen ca. $1/2 \text{ dm}^2$ mehr Fläche, d. h. der Flügel muss asymmetrisch gebaut werden, dadurch entsteht beim verspannten Flügel eine ungleichmässige Flügelbelastung, die sich aber im Fluge nur leicht spürbar auswirkt. Andrews baut einen symmetrischen Flügel und versetzt den Pylon um ca. 4 cm, so erhält er eine bessere Kräfteverteilung. Zweitens flog er vermutlich den grössten Propeller in 3-facher Ausführung bei sich. Ihm gelang der längste Flug dieser WM mit 35'44" und zwar im letzten Durchgang. Er verbesserte sich vom 12. auf den 3. Rang. Bis man aus 20 verschiedenen Propellern den geeignetsten findet, dauert es eben eine ganze Weltmeisterschaft, resp. 5 Tage von morgens 9.00 bis abends 21.00 Uhr, denn dies waren die offiziellen Hallenöffnungszeiten. Kalina ist Inhaber des Weltrekordes mit 38'18", erflogen an der Weltmeisterschaft 1972 in Kington, England. Dieser Rekord wurde offiziell noch nicht überboten. (Andrews Trainingsflug an der gleichen Meisterschaft betrug 41 Min.). Kalina war Weltmeister 1970 in Rumänien und war 1968, 1970 und 1972 im Weltmeister-schaftsteam der Tschechen. Er ist Vorsitzender für Freiflug in seinem Land, baut seit 25 Jahren Modelle und ist der beste Saalflieger der Welt.


Bei den Tschechen fiel mir auf, dass sie besonderen Wert auf den Propeller legten. So hatte z. B. Rybecky 20 verschiedene Propeller in 3-facher Ausführung bei sich. Ihm gelang der längste Flug dieser WM mit 35'44" und zwar im letzten Durchgang. Er verbesserte sich vom 12. auf den 3. Rang. Bis man aus 20 verschiedenen Propellern den geeignetsten findet, dauert es eben eine ganze Weltmeisterschaft, resp. 5 Tage von morgens 9.00 bis abends 21.00 Uhr, denn dies waren die offiziellen Hallenöffnungszeiten. Kalina ist Inhaber des Weltrekordes mit 38'18", erflogen an der Weltmeisterschaft 1972 in Kington, England. Dieser Rekord wurde offiziell noch nicht überboten. (Andrews Trainingsflug an der gleichen Meisterschaft betrug 41 Min.). Kalina war Weltmeister 1970 in Rumänien und war 1968, 1970 und 1972 im Weltmeister-schaftsteam der Tschechen. Er ist Vorsitzender für Freiflug in seinem Land, baut seit 25 Jahren Modelle und ist der beste Saalflieger der Welt.

Ueber die Polen kann ich wohl am meisten schreiben, da wir während der WM den Genuss hatten, in ihrer nächsten Nähe zu sein. Ihre Stärke wurde uns erst am 2. Tage richtig bewusst.


Donnerstag, 4. Juli. Temperatur in der Halle ca 36°, Luftfeuchtigkeit 80–85%. Die Kleider klebten am ganzen Körper. Auch diese zusätzliche Belastung musste von allen Konkurrenten überwunden werden. Cipala, Polen, demonstrierte mir eine einfache aber gutbewährte Gummiprobe. Ein Stück 20 cm (Handelsform 6 x 1 mm) wird auf die 5-fache Länge ausgezogen: 5 Minuten im belasteten Zustand warten. Anschliessend wird die gespannte Gummilänge gemessen. Beträgt die Verlängerung mehr als 15% (3 cm) ist es ein schlechter Gummi.

Bei 10–12% Verlängerung ein mittelmässiger und unter 10% ein guter Gummi. Bis jetzt verwendeten wir Rycinusöl als Gummischmiermittel, doch für diese feinen Gummistränge musste ein spezifisch leichteres und besseres Mittel erfunden werden. Leider ist die Mischung noch geheim.

Was wir in den Schweizer Modellbaugeschäften nicht fanden, wurde uns hier praktisch auf den Tisch gestellt. Denn hier hat sich ein Amerikaner zur Aufgabe gestellt, allen Saalfliegern mit dem besten Material zu dienen. Balsaholzdecken von 0,12 mm bis 0,55 mm fast für jeden $1/100 \text{ mm}$ , leichteste Sorte. Konisch geschliffenes Holz für Propellerachsen. Metallkonus als Rumpf-Hinterteil. Propellerlager aus Uhrensteinen oder Teflon. Spezialleim, Mikrofilmmischungen etc. etc. Das hätte unsere Arbeitszeiten um mindestens ein Drittel herabgesetzt. An dieser Stelle möchte ich unsere aufgewendeten Arbeitsstunden erwähnen:

Siebenmann ca. 160 Std.,

Tapernoux 300 Std., Heise 375 Std.,

Mannschaftskapitän Reifler ca. 150 Std.

Reifler war praktisch den ganzen Tag mit Gummischneiden und aufziehen der Gummimotoren beschäftigt. Der Gummiquerschnitt muss für jedes Modell individuell geschnitten werden. Das Gummigewicht soll ungefähr dem Zellengewicht entsprechen. Alle Teilnehmer flogen mit 2 Fäden. Beispiel: Eine Modellzelle von 1,7 g braucht einen Gummi von $1 \times 1,9 \text{ mm} \times 2 = 3,8 \text{ mm}^2$ . Die Länge des Gummis $2 \times \text{Hakenabstand} + \text{ca. } 20\%$ . An diesem Tage überboten alle 3 Schweizer den bestehenden inoffiziellen Schweizerrekord von 12'30", gehalten von F. Tapernoux, erflogen in der Universität Zürich (ca. 24 Meter hoch) aus den 60er Jahren.


Die Bestimmungen
  1. WM nur in Kategorie F1D
  2. Flügelspannweite max. 65 cm
  3. Zellengewicht min. 1 g
  4. 6 Flüge unbegrenzte Zeit
  5. Die 4 besten Flüge werden gewertet
  6. Es darf während eines Fluges 3 x je 15" gesteuert werden. Erst anwendbar, falls das Modell in ein Hindernis fliegen würde. Vom Organisator wurden zu diesem Zwecke verschiedene Geräte zur Verfügung gestellt.
    • a) Eine abgeänderte Fischerrute mit dicker Perlonschnur, daran hängend ein Gasballon ca. 1 m Durchmesser. Wie wird nun gesteuert? Es braucht schon etwas Phantasie, sich diesen Vorgang bildlich vorzustellen. Die Bremse an der Fischerrute wird gelöst, der Ballon steigt nun. In der Nähe des fliegenden Modells, ca 3–5 m über der Flugbahn, wird der Ballon gestoppt. Vorsichtig muss der Konkurrent jetzt versuchen, mit der senkrecht gestreckten Perlonschnur zwischen Flügel und Propeller bis zur Rumpfnase einzufahren. Jetzt arretiert sich der Propeller mit der Perlonschnur und sofort muss der Konkurrent das Modell in der ursprünglichen Flugbahn vorwärtsbewegen. Während diesem Vorgang zählt der Zeitnehmer die Sekunden, denn spätestens nach 15" muss das Modell wieder frei sein. In dieser Zeit versucht der Konkurrent das Modell möglichst in die Hallenmitte zu transportieren. Verpasst man z. B. das Vorwärtsbewegen, wickelt sich das Modell wegen des vorhandenen Drehmoments buchstäblich um die Perlonschnur und der Flug wird abgestoppt.
    • b) 4–5 m lange Fiberglasstangen kann man verwenden, wenn das Modell in Bodennähe an ein Hindernis fliegen würde. Hier ist die Steuermethode bedeutend einfacher. Man schiebt mit dem Stab an der Hinterkante des Innenflügels das Modell in max. 15" vorsichtig an den gewollten Ort.
  7. Der zweite Wertungsflug darf erst absolviert werden, wenn alle 3 Mannschaftsmitglieder den 1. vollendet haben.

Freitag, 6. Juli. Wetterlage: 35–37° C und 85–90% Luftfeuchtigkeit. Langsam haben wir uns an die Hitze gewöhnt. Das Schweizer-Team war einziger Neuling an dieser Weltmeisterschaft.

Einen besonderen Dank möchte ich an Ray Harlan, USA, richten. Er erkannte unser Anfängertum und sprang sofort hilfsbereit ein. Auch unsere Nachbarn, die Polen, standen uns für alle Auskünfte gerne zur Verfügung. Sie hatten ihre Führungsposition endgültig im Sack, denn an diesem Tage geschah etwas besonderes.

Um 13.45 Uhr brach ein starkes Gewitter aus. Grosse Regentropfen drangen durch das undichte Dach. Ein Tropfen genügt, ein Modell zum Absturz zu bringen und so war es um die 7 im Fluge befindlichen Modelle geschehen. Auch hier hatten die Polen den anderen etwas voraus; jede ¼ Std. verliess 1 Mann den Hangar und beobachtete das Wetter, denn bei diesen tropischen Bedingungen kann es in einer Viertelstunde regnen, wie es eben geschah.

Die Jury beschloss, den 6. Flug und die Restzeit 1½ Stunden des 5. Fluges, auf den Samstag zu verschieben.


Samstag, 7. Juli. Zum letzten Mal mussten die Konkurrenten im düsteren, heissfeuchten Hangar Nr. 5 antreten. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Viele waren mit ihren Leistungen nicht zufrieden. Einmal nahm ich mir Zeit und beobachtete die ganze Startvorbereitung des Weltmeisters Ryszard Czechowski, Polen. Je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit wählt er aus seinem Gummiarsenal einen harten oder elastischen Gummi. Prüft denselben auf Umdrehungszahl und Drehmoment. Wählt den entsprechenden Propeller dazu und macht das Modell startklar. An seiner Kiste befindet sich eine Spezialvorrichtung, damit der Gummi ausserhalb des Modelles aufgezogen werden kann. Vorgängig wird das Modell von der Jury auf Gewicht und Spannweite geprüft. Die allgemeine Flugrichtung der im Fluge befindlichen Modelle wird beobachtet und das Modell wird am günstigsten Ort auf seine 34 Minuten-Reise geschickt. Wenn ein Gesetz über einen zukünftigen Weltmeister formulieren müsste, würde es folgendermassen lauten:

Weltmeister wird derjenige, welcher seinen Gummi so zu dimensionieren weiss, dass sein Modell mindestens 1/3 der Flugzeit an der Decke kratzt ohne sich zu verfangen. (z. B. Strebe) Gilt für alle Hallenhöhen.

Anschliessend wurde ein internationaler Wettbewerb für verschiedene Saalflugkategorien durchgeführt. Wir Schweizer benützten die Gelegenheit, um den Rekord etwas höher zu schrauben. Endstand:

Siebenmann 24'25",
Tapernoux 23'46",
Heise 18'06".

Wenn wir auch unter «ferner Liefen» klassiert waren, dürfen wir mit unseren Leistungen zufrieden sein. Wir brachten es in einem halben Jahr zu einer Leistung, die noch kein Land zuvor zeigte, bestätigte uns der amerikanische und der deutsche Team-Manager.

Die Region 5 beabsichtigt in nächster Zeit einen schweizerischen Saalflugwettbewerb zu organisieren. Ob sich der Aufwand lohnt, möchten wir anhand einer Umfrage feststellen. Interessenten schreiben eine Postkarte an: Redaktion Modell-Flugsport, Postfach, 8335 Hittnau, nur Vermerk: «Saalflug». Jeder kann jetzt von den gemachten Erfahrungen in den USA profitieren. Baubeschreibung mit Plan folgen.



FINAL RESULTS - 1974 AEROLYMPICS
PLACENAMECOUNTRYONETWOTHREEFOURFIVESIXTOTAL
1R. CzechowskiPoland34:2734:5029:0134:5634:5333:3469:49
2B. ServaitesU.S.A.33:596:5633:4032:4425:5433:5167:50
3K. RybeckyC.S.S.R.21:5131:3214:4919:3930:2735:4467:16
4S. KujawaPoland29:4532:349:3928:2634:329:5567:06
5E. CiapalaPoland27:5231:0132:4917:4334:1130:2567:00
6M. Andrews *U.S.A.31:1220:2333:560:1432:0331:1065:59
7E. ChlubnyC.S.S.R.22:3831:2323:5228:5526:4733:0464:27
8E. StollU.S.A.30:5626:0728:598:4329:0133:0864:04
9J. BlountEngland10:4112:140:3629:0128:2533:1662:17
10L. CailliauU.S.A.6:548:0233:3126:1913:2428:4562:16
11J. McGillivrayCanada29:3619:1532:2212:2028:5400:1561:58
12L. BarrEngland24:4121:0728:4813:5826:4932:2261:10
13J. KalinaC.S.S.R.15:058:3333:0212:3527:1526:4560:17
14P. NoreFinland15:0620:0228:0831:432:4226:3859:51
15R. ParhamEngland23:480:2021:3228:2028:1129:3057:50
16H. RaulioFinland22:0023:1731:2025:5424:2425:1757:14
17T. MinagawaJapan21:1527:1328:5215:5821:4119:1356:05
18A. DeMelloCanada0:146:3324:3525:5615:5129:0755:03
19C. CotugnoItaly25:2900:0517:4026:1626:0628:1054:26
20A. FrioliItaly7:4825:2212:3015:4219:3228:4454:06
21W. WetzelW.Germany12:530:2027:3021:1025:2126:2453:54
22K. VoglerW.Germany21:5122:0727:0626:298:5123:5553:35
23H. ErofejeffFinland14:5818:5119:5424:1624:5327:3252:25
24M. ThomasCanada23:016:3413:2226:4811:2924:1251:00
25F. MiganiItaly19:4518:5426:367:4823:449:1950:20
26B. FelsteadAustralia21:5525:4521:120:0522:5117:3748:36
27H. TiemannW.Germany21:0723:1821:3521:4824:508:3848:08


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