Titelstory

VON KNOLLENNASIGEN PILOTEN, INSPIRIERENDEN ABSTÜRZEN UND EINEM BESENKAMMERBÜRO ...

von Lutz Näkel
9

Dem MFS-Karikaturisten Andreas Locher wollen wir hier einmal auf den Zahn fühlen. Das Interview führte Lutz Näkel, Journalist und Modellflieger, der mit Andreas seit vielen Jahren befreundet ist.


Seit 2013 zeichnet Andreas Locher regelmässige Karikaturen für Modellflug-sport. Mit spitzem Stift und viel Humor «über-»zeichnet er die Tücken und die dramatischen Situationen des Modellflugs, nimmt dabei auch mal diejenigen aufs Korn, die sich selbst zu den grossen Helden des Hobbys stilisieren und am Ende oft ganz kleinlaut dastehen. Ganz klar, wer so einen wachen und pointierten Blick auf das Metier hat, kann nur selbst dazugehören! In der Tat konstruiert, baut und fliegt Andreas Locher seit vielen Jahrzehnten höchst originelle Modellflugzeuge, über die er in Modellflug-sport auch schon gelegentlich berichtet hat. Gerade erscheint ein Sammelband mit einer Auswahl von Modellflugkarikaturen des 1952 geborenen Zeichners. Grund genug, Andreas Locher nach Werdegang und Motivation zu befragen.


• Andreas, wie bist du überhaupt ans Modellfliegen gekommen, und wie ans Karikaturenzeichnen? Gibt es da vielleicht eine familiäre Prägung?

An beidem war tatsächlich mein Vater «schuld»: er war Hobbyflieger und Modellbauer und versorgte meinen Bruder und mich bereits im Vorschulalter immer mit Balsaresten, Leim und auch den wichtigsten Grundregeln des Modellbaus. Einstellwinkeldifferenz war vermutlich der erste Fachbegriff, den ich kapiert und umgesetzt habe. Und gezeichnet hat er ebenfalls ausgesprochen gut; die ersten «lustigen Männchen» habe ich damals von ihm abgezeichnet. Übrigens war unser Wilhelm-Busch-Band eines meiner Lieblingsbücher.



• Wolltest du immer schon Karikaturist werden oder gab's da in der Jugend einen anderen Berufswunsch?

Schauspieler. Ich habe mich in der Schule auch immer wieder in heiklen Situationen mit humorigen Rollen aus der Affäre ziehen können; das war's dann aber auch. Zu Hamlet oder Faust ist es nie gekommen. Später hätte ich mir aber auch Journalist als Beruf vorstellen können – aber da war ich eben schon Karikaturist.


• Kannst du dich noch an deine erste Karikatur erinnern?

Die erste Karikatur, die ein ernst zu nehmendes Honorar einbrachte, war eine Szene mit einem mürrischen Engel, der sich die guten, alten Wolken zurückwünscht – beim zweiten Blick sieht man, dass er mit seiner Harfe auf der Rauchwolke eines Fabriksschlots sitzt ... Das war 1973 und die Zeichnung erschien in der NZZ.


• Hoppla, direkt in der altherwürdigen «Neuen Zürcher Zeitung»?

Ja, das war tatsächlich ein steiler Einstieg. Und dass ich plötzlich in der NZZ gelandet bin, war das Resultat einiger Zufälle. Kurz erklärt: Mit einem Jugendfreund gestaltete ich ein Flugblatt, auf welchem die Ampel-Wartezeiten in Zürichs verstopfter Innenstadt aufgelistet waren. Die Quintessenz dieser «Wartezeitabelle»: Bitte Motor abstellen! Verschiedene Zeitungen berichteten über unsere Aktion, am positivsten die «Neue Zürcher Zeitung». Ich schrieb umgehend eine Postkarte an die Redaktion und bot an, «zum Dank» gerne ein paar Karikaturen an die Zeitung zu liefern ... Die gingen tatsächlich auf mein Angebot ein und liessen mich mit ein paar Musterzeichnungen in die Redaktion kommen – und von da an war ich «drin»!



• Das klingt ja nach einen Bilderbuchkarrierestart...

Ja, durch die regelmässigen Karikaturen in der Wochenendbeilage der «Neuen Zürcher Zeitung» wurden viele Journalisten und Redaktionen auf mich aufmerksam; ich konnte schon bald aus schönen Angeboten auswählen – ich war und bin ein Glückspilz!


• Wie war es denn für dich, schon in jungen Jahren Beachtung als Künstler zu erfahren?

Also das Etikett Künstler würde ich mir selbst nie anheften; Michelangelo, Haitzinger oder Sempé sind Künstler. Ich kann recht gut zeichnen und bin Karikaturist. Natürlich ist es schön, wenn man Erfolg hat – aber ein «Vernissagen-Star» zu sein, das habe ich nie angestrebt. Ich habe immer jene Momente genossen, in welchen jemand über eine meiner Karikaturen lachen musste, ohne zu wissen, dass sein Gegenüber (z.B. im Zugabteil) der verantwortliche Zeichner ist ...


• Du hast ja auch im karikaturistischen Tagesgeschäft gearbeitet. Wäre das langfristig eine Perspektive für dich gewesen?

Ja, eine kurze Zeit hatte ich ein kleines «Besenkammerbüro» auf der Redaktion einer Tageszeitung. Das war bei der neu lancierten TAT; eine spannende Zeit mit vielen jungen, sehr engagierten Journalisten. Da wurde manchmal innert einer Stunde eine Zeichnung zu einem aktuellen Thema erwartet: ein enormer Zeitdruck – neu für mich, aber es hat funktioniert. Als freier und selbstständiger Mitarbeiter wollte ich mich aber nicht nur auf eine Zeitung festlegen und blieb auch in jener Zeit für andere Zeitungen und Zeitschriften tätig.


• Hat sich dein karikaturistischer Stil im Laufe der Jahre eigentlich verändert, zeichnerisch und inhaltlich? Wird man bissiger oder milder?

Natürlich hat sich der Stil verändert. Aber nicht grundlegend. Ein Männchen von heute würde in einem Männchen von 1973 durchaus einen Vorfahren erkennen. Bissiger oder milder? Hmm ... vielleicht beides. Manchmal muss man einfach zubeissen. Andererseits – man darf ja auch die Wirkung von Satire nicht überschätzen. Die Welt veränderst du mit Karikaturen nicht.


• Wann und wie sind die Themen Modellflug und Karikatur dann erstmals zusammengekommen?

Auf Modellflughängen hat mich Emil Giezendanner immer mal wieder auf meine Arbeit angesprochen, «man sollte doch mal zusammen ...» – irgendwann haben wir dann Nägel mit Köpfen gemacht und eine Probezeichnung für Modellflugsport vereinbart. Das kam gut an, und so entwickelte sich eine angenehme Zusammenarbeit mit dem Magazin, für welches ich ja auch gelegentlich Textbeiträge beisteuerte.



• Das Tragisch-Komische in der Aviatik ist ein durchgängiges Thema deiner Zeichnungen für Modellflugsport. Was reizt dich daran?

Das sind die Themen und Momente, die jeder Modellflieger kennt. Und wer selber baut, kennt das grauenvolle Gefühl, wenn das Resultat ungezählter Freizeitstunden in Bröseln vor einem liegt. Im Rückblick erscheint aber manches auch so schräg, dass man darüber lachen kann. Mein idiotischer Absturz geschah vor etwa drei Jahren – es war mein geliebtes F3K-Modell: Das flog auf geneigter, stabiler Flugbahn ruhig, aber völlig unsteuerbar an mir vorbei – und dann sah ich etwas Blaues direkt vor meinen Füßen. Als Mutter Erde den Flieger im 30-Grad-Winkel in sich aufgenommen hatte, kehrte mein Blick zum blauen Etwas zurück: Es war mein Senderakku, der sich aus dem Akkufach verabschiedet hatte ... Da ist es bis zur Karikatur nicht mehr weit.


• Und die dreidimensionale Umsetzung deiner Cartoon-Figuren als Pilotenpuppen, wie hat das angefangen?

Die werden einfach so. Ich könnte vermutlich gar keine seriösen Pilotenfiguren bauen; bei mir wird's immer irgendwie knollennasig.


• Was sind deine Vorlieben im Modellflug? Du scheinst auch eine Neigung zu Extremen zu haben...sehr leicht, sehr Scale, sehr schnell, sehr leistungsfähig...?

Bei sehr Scale muss ich widersprechen, da würde ich ein fettes Semi-davorsetzen. Aber sehr leicht und auch sehr klein sicher. Und auch sehr schnell darf's mal sein, dafür habe ich noch ein älteres F5B-Modell – etwas für den hohen Puls. Nur sehr laut ist nicht mein Ding, da nehme ich Reiss-aus!


• Reizt es dich heute noch, das Zeitgeschehen zeichnerisch zu kommentieren? Kann auch ein Karikaturist am Lauf der Welt verzweifeln? Oder fordert so was ihn noch mehr heraus?

Der Reiz wäre durchaus noch da. Allerdings ist die gedruckte Presse nicht mehr auf Rosen gebettet; Zeitungen können sich keine Karikaturisten als freie Mitarbeiter mehr leisten. Ich habe meine berufliche Tätigkeit in den besten Jahren ausüben können. Was das Verzweifeln betrifft: In der Tat, bei den «grossen» Themen steckt hinter mancher Pointe das Verzweifeln. Und manchmal gilt zu erkennen: La réalité dépasse la fiction...


• Gibt es noch Ziele, die du jetzt noch erreichen möchtest? Modellbau-mässig, karikaturistisch? Der Traumflieger, der ultimative Cartoon?

Vielleicht ein absolut unkonventionell gesteuertes Modell, noch verrückter als mein damaliger Verschieb-AIR, bei welchem sich Rumpf und Fläche gegeneinander verschoben .. Oder nochmal ein gaaanz leichter Hallenschleicher mit noch weniger Flächenbelastung als bei meinem «Schwebelbalken» von 2014? Aber eigentlich sind Werkstatt und Keller schon bumsvoll mit Modellen... Was das Zeichnen angeht, gefällt's mir mit den Aufträgen und Möglichkeiten, die ich jetzt habe. Ich muss ja auch nicht mehr. Das macht Spass und Modellflugsport trägt dazu bei.


Unter dem Titel «Der Traum vom Fliegen» ist jetzt Andreas Lochers 104 Seiten strakes Karikaturenalbum erhältlich, dem überdies ein amüsantes «Modellflug-ABC» angefügt ist, ein Fachregister, das in keinem Modellflieger-Bücherschrank fehlen sollte. Bestellmöglichkeiten und Verkaufspreis im nachfolgenden Kästchen.




Alle Kategorien anzeigen

AKTUELL

Sortieren Nach:
Weitere Beiträge



}
An error has occurred. This application may no longer respond until reloaded. Reload 🗙